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veganismus_in_der_ddr [2011/08/15 20:56] (aktuell)
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 +=====  Veganismus und ähnliche Bewegungen in der DDR   =====
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 +**Auf dieser Seite wird der Frage nachgegangen,​ ob und wie Veganismus auch in der DDR ein Thema gewesen ist. Tierschutz und ein Vergleich zu oppositionellen Bewegungen in der DDR und heute bilden die bisherigen Schwerpunkte der Seite.**
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 +====  Tierschutz ​  ====
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 +Über vegane Gruppen bzw. Initiativen in der DDR ist dem Autor dieses Textes nichts bekannt. Am nähesten an das Thema Veganismus kommt vielleicht noch das Thema [[Tierschutz|Tierschutz]]. Und dieses nahm in der DDR keinen besonderen Stellenwert ein. Das Tierschutzgesetz stammte von 1933. Alle noch bestehenden Tierschutzvereine wurden in den 1950ern und 1960ern aufgelöst, da man dort Keimzellen oppositioneller Tätigkeiten vermutete. Zum Beispiel wurde 1956 der Tierschutzverein Altenburg (heute im östlichen Thüringen gelegen) mit der Begründung aufgelöst, ein Hort nazistischer Umtriebe zu sein. 
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 +Der Tierschutz wurde in Form der  „Beiräte für Tierschutz und Tierhygiene“ vom Staat übernommen - und so sahen dann auch die wenigen Tierheime aus, die es in den großen Städten gab. Natürlich wurde in diesen Beiräten keine Kritik an Massentierhaltung und Tierversuchen geäußert.
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 +Außerhalb staatlicher [[diskurs:​Gewalt|Gewalt]] organisierten sich einige Menschen unter dem Dach der Kirche. In Dresden entstand 1988 aus dem seit Anfang der 1980er bestehenden ökologischen Arbeitskreis eine Tierschutzgruppe mit zehn Teilnehmenden.
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 +Weitere Informationen über Tierschutz in der DDR soll es im „Jahrbuch Ökologie“ von 1996 geben, das dem Autor dieser Zeilen leider nicht vorlag.
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 +====  Personen und Gruppen ​  ====
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 +  * Der Liedermacher [[http://​de.wikipedia.org/​wiki/​Gerhard_Gundermann|Gerhard Gundermann]] (1955-1998) wird häufig als ökologischer Vegetarier bezeichnet. Dies kann man schon als relativ progressiv ansehen im Vergleich zum „Normalzustand“ in der DDR. Ob er sich auch außerhalb seiner Lieder engagierte, ist mir nicht bekannt.
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 +  * In Dresden gründetet sich 1988 eine Tierschutzgruppe bestehend aus zehn Leuten. Diese kamen aus dem ökologischen Arbeitskreis,​ der sich Anfang der 1980er unter dem Dach der Kirche formierte (siehe oben).
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 +  * ...
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 +//Die Eingrenzung dieses historischen Themas auf die DDR wurde bewusst gewählt. Man könnte natürlich auch andere Ostblockstaaten beleuchten und schauen, wie es da heute aussieht. Außerdem könnten auch andere geografischen Gebiete recht interessant sein (Veganismus früher und heute, Strukturen, ...).//
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 +[[Ordner:​Geschichte|Ordner:​Geschichte]] [[Ordner:​Tierschutz|Ordner:​Tierschutz]]
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 +Ich hab den Satz "Und damit sah es in der DDR nicht gerade positiv aus" mal etwas geändert, da [[Tierschutz|Tierschutz]] ja nicht von allen als positiv aufgefasst wird (vgl. [[Tierrechte vs. Tierschutz|Tierrechte vs. Tierschutz]]).
 +        * Ich möchte mich in die Diskussion "​Tierschutz versus Tierrechte"​ nicht einmischen. Ich halte sie für überflüssig und typisch deutsches pedantisches Gezänk, da sie von den wirklich wichtigen Dingen ablenkt. (Andreas) ​
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 +Dass die DDR-Führung in Tierschutzvereinen Keimzellen oppositioneller Bestrebungen auszumachen glaubte, kann ich durchaus nachvollziehen - es galt ja jegliche Systemkritik zu unterbinden,​ um wenigstens äußerlich das Gewand der Legitimität der herrschenden Klasse als unumstritten dastehen zu lassen.
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 +In der Tat erreichte ein Großteil oppositioneller Publikationen ihre Leser vor allem in den 1980'​er Jahren ja über Samisdatschriften (selbstgedruckte Oppositionsblätter),​ die hauptsächlich Themen wie [[diskurs:​Umwelt|Umwelt]],​ Anti-Atom, [[Menschenrechte|Menschenrechte]] usw. behandelten,​ darüber hinaus aber oft auch grundsätzliche Kritik an der DDR äußerten. Die Tierschutzbewegung,​ wenn davon die Rede sein kann, dürfte vermutlich ebenfalls in diesem Spektrum angesiedelt gewesen sein.
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 +Das [[http://​www.archiv-buergerbewegung.de/​|Archiv Bürgerbewegung Leipzig]] hat eine ganze Reihe an Publikationen dazu gesammelt (einige werden bis Oktober 2005 auch in der Ausstellung "​[http://​www.hdg.de/​Final/​deu/​page4519.htm Unterm Strich - Karikatur und Zensur in der DDR]" im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig ausgestellt),​ von [[Tierschutz|Tierschützern]] oder [[diskurs:​Tierrechte|Tierrechtlern]] ist aber nichts dazu zu finden. Gibt es zu der Tierschutzgruppe aus Dresden von 1988 irgendwelche Belege oder Quellen? ​
 +        * Außer ein paar nicht sehr in die Tiefe gehenden Sekundärquellen sind mir keine weiteren Quellen über die Dresdener Gruppe bekannt. Vielleicht findet sich ja beim [[http://​www.uzdresden.de|Umweltzentrum Dresden]] oder ähnlichen Institutionen etwas. Vielleicht finden sich auch Infos bei der Evangelisch-lutherischen Kirche in Dresden, denn der ökologische Arbeitskreis entstand ja in deren "​Schafstall"​. (Nicht gleich angeekelt wegklicken. Auch die erste Punkerkneipe Leipzigs entstand 1984 in einem Gebäude, das der Kirche gehörte.) (Andreas)
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 +Bezeichnend auch, dass der Tierschutzverein Altenburg 1956 als "Hort nazistischer Umtriebe"​ ausgemacht wurde, wenngleich die DDR-Führung ja ohnehin meist keine großen Unterschiede zwischen verschiedenen Systemgegnern und Subkulturen sehen wollte. Dennoch deuten sich hier einige Parallelen zur heutigen Zeit an: "​die"​ Tierschutz- und Tierrechtszene geht mit den verschiedensten,​ aufgrund deren Unvereinbarkeit immer wieder zu Streitereien führenden Weltanschauungen einher, und für den Staat gelten Abweichler als Extremisten,​ die allein aufgrund ihrer ablehnenden Haltung zum bestehenden System in die Schranken zu verweisen sind, ohne dass eine offene Auseinandersetzung mit den jeweils dahinter steckenden Anschauungen oder Ideologien stattfinden würde.
 +        * Laut offiziellem DDR-Standpunkt gab es in der DDR keine Nazis/​Naziaktivität. Und da es das offiziell nicht gab, wurden Naziübergriffe dementsprechend auch nicht verfolgt. Komischerweise wurde aber gegen emanzipatorische Bestrebungen (Umwelt-, Menschenrechtsgruppen,​ Autonome, ...) mit der Begründung "​nazistischer Umtriebe"​ vorgegangen. (Andreas)
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 +Während das Thema damals offenbar jedoch weitgehend von der Führung totgeschwiegen wurde, sind weite Teile der Umwelt- und angrenzender Bewegungen heute, z. B. in Form von staatlich geförderten Tierschutzvereinen oder mitregierenden grünen Parteien, im System aufgegangen - was die DDR zu Fall brachte, die fehlende Möglichkeit eigene Interessen in irgendeiner Weise einbringen zu können, hat die BRD modernisiert:​ Umwelt, Tierschutz usw. werden zum legitimierten Ventil aktivistischer Strömungen bis hin zur Staatsdoktrin,​ solange die Kritik und Forderungen nicht über einen annehmbaren Rahmen hinaus gehen oder gar den Staat selbst infrage stellen.
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 +Dem kleineren Rest der Bewegungen gehen die Fortschritte nicht weit genug: militante Tierschützer und viele Tierrechtler versuchen ihre Vorstellungen an der eigenen Lebensweise umzusetzen ([[Veganismus|Veganismus]]) und über diverse, den gesetzlichen Rahmen zum Teil bewusst überschreitende Aktionen (z. B. [[Tierbefreiungen|Tierbefreiungen]],​ [[Sabotage|Sabotage]] etc.) in die Gesellschaft hineinzutragen. Wenn dabei das Eigentum, das Gewaltmonopol und andere Grundsäulen des Staates auf Ablehnung stoßen verwundert es nicht, dass beispielsweise der [[Verfassungsschutz|Verfassungsschutz]] in Österreich dem Thema ein eigenes Kapitel widmet.
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 +Ob es eine solche, zur Verbreitung des Veganismus beitragende Radikalisierung der Tierschutzbewegung in der DDR bereits in größerem Umfang gegeben hat, erscheint angesichts der dortigen Repression fragwürdig. Es wäre interessant,​ hierzu noch ein paar Quellen ausfindig zu machen ...
 +        * Quellen und Informationen darüber könnte es an folgenden Orten geben: [http://​www.uzdresden.de Umweltzentrum Dresden], [http://​www.umweltbibliothek-leipzig.de Umweltbibliothek Leipzig], [[http://​www.belfalas.de/​ub.htm|Umweltbibliothek Berlin]] (im Dez. '98 aufgelöst),​ [[http://​www.ddb.de|Die Deutsche Bibliothek]] (mit Stützpunkten in Leipzig, Frankfurt a.M., Berlin ;-). Bei Gelegenheit werde ich da vielleicht auch mal nachforschen.
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 +  *schmunzel ​     * was Du immer wieder für Themen ausgräbst ;) Aber interessant wäre es schon, was sich zwischen der Prägung des Begriffes "​Veganismus"​ und heute diesbezüglich so getan hat. Was die DDR angeht, wird leider ja oft übersehen dass es neben der offiziellen Linie auch Menschen gab, die sich ihre eigenen Gedanken zu Utopien und ethischen Fragen machten ... ich bin gespannt, ob wir auf dieser Seite noch weitere Infos dazu zusammenbekommen :)
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 +-- Tim 2005-04-05 20:38
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 +...ich auch :-)
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 +-- Andreas 2005-04-06 12:52