Von „Radikal-Veganern“ und anderen Lebewesen

Der Begriff „Radikal-Veganer“ wird von Kritikern eines „konsequenten“ Veganismus oft in polemischer Art und Weise gebraucht, teilweise vielleicht auch in Ermangelung eines besseren Ausdrucks. Häufig greifen „Anti-Veganer“, gelegentlich auch „gemäßigte“ Veganer auf den Begriff zurück.

Inwiefern der Begriff „radikal“ (an den Ursachen etwas verändern statt an den Symptomen ansetzen) tatsächlich zutrifft, hängt allerdings vom Motiv des Veganismus ab. Zudem ist es ein relativer Begriff: sicherlich ist es erst die Nachfrage nach Konsumgütern, die zur Produktion eben der ethisch nicht vertretbaren Produkte führt. Es ist also folgerichtig, an der (eigenen) Nachfrage etwas zu ändern, statt (nur) gegen die Produktion selbst zu protestieren. Aus der Sicht wäre Veganismus im Vergleich zum Vegetarismus eine radikalisierte Form des Konsumverhaltens.

Aus Sicht von Tierrechtlern kann der individuelle Veganismus allein jedoch nicht radikal sein, denn dann müsste er nicht nur am Konsum von tierischen Produkten, sondern vor allem auch an dem in der Gesellschaft fest verankerten Speziesismus ansetzen. Veganismus als einziges Mittel stünde dann mehr für einen Tierprotektionismus, der zwar die kommerzielle Ausbeutung von Tieren reduziert, durch den damit erreichten gesellschaftlichen Konsens eine weiterführende Akzeptanz ihrer elementaren Interessen aber dennoch nicht erwirken kann.1) Damit wäre Veganismus weniger radikal, sondern eher reformistisch.

Wirklich radikales, antispeziesistisches Denken darf auch die Ausbeutung des Menschen (besonders drastisch in den „ärmeren“ Ländern, aber auch hierzulande) nicht außer Acht lassen. Gegen diese lässt sich mit Veganismus allein überhaupt nichts ausrichten, womit er alles andere als radikal (= Ansetzen an den Ursachen) wäre. Ein radikales Vorgehen gegen diese Ausbeutung wäre die Abschaffung des Kapitalismus, wofür sich selbst unter antispeziesistischen Veganern sicherlich nur ein Teil aussprechen würde.2)))

Die Online-Variante

Gelegentlich taucht auch der Begriff „Online-Radikal-Veganer“ als Schimpfwort auf. Im Wesentlichen treffen hier die gleichen Punkte zu, wie beim Begriff „Radikal-Veganer“. Zu unterscheiden ist hier die berechtigte Kritik an den oft auftretenden Schlammschlachten und Verleumdungskampagnen einiger profilierungssüchtiger Veganer, und die (im einzelnen zu diskutierende) Kritik an tatsächlichen inhaltlichen Konzepten, etwa an Petitionen gegen Tierversuche (vgl. Online-Aktivismus).

Seltener wird das Wort (auch von „gemäßigten“ Veganern) gebraucht, um damit die Abneigung gegenüber der Überpräsenz einiger besonders aktiven Veganer auf diversen Foren und Webseiten auszudrücken. Auch hier wäre es allerdings besser, zwischen Profilierungsego und den Positionen an sich zu unterscheiden. Wo und wie oft jemand aktiv ist sollte sicherlich jedem selbst überlassen sein und ist allein nicht unbedingt ein geeigneter Grund zur Kritik.

Fazit

Abschließend lässt sich feststellen: die Verurteilung von Veganern als „Radikal-Veganer“ ist in den meisten Fällen widersprüchlich und undifferenziert. Zudem wird der Begriff „radikal“ häufig verkannt. Vielleicht drückt er auch die Angst vor Veränderung aus, denn darauf richtet sich ja alles radikale. Man solle „radikal“ nicht in einen Topf mit „extrem“ oder „militant“ werfen. Ob radikal gut oder schlecht ist, hängt immer vom Thema an sich und natürlich von den eigenen Zielen ab. Eine interessante Diskussion dazu gibt es zum Beispiel auf Tierrechte vs. Tierschutz.

Natürlich muss man dies den Kritikern nicht auch noch vorhalten: der Begriff kann unter Umständen auch einfach als Hinweis zur Kenntnis genommen werden, dass die eigenen Argumente am anderen Ende der Leitung befremdlich wirken. Vielleicht ist es dann sinnvoll, entsprechend darauf zu reagieren, statt sich durch den Begriff provozieren zu lassen ;)


Kritik am Veganismus Tierrechte Speziesismus Konsum


Diskussion

Der Begriff steht vielleicht auch für Veganer, die sich in Diskussionen einfach nur uneinsichtig zeigen?


Veganer erscheinen mir manchmal faschistisch zu sein, denn sie akzeptieren keine andere Meinung außer ihrer eigener. Diese Erfahrung musste ich vor allem bei www.vegane-katzen.de machen. Ich wollte mich mit dem Thema beschäftigen und ergründen, was Menschen dazu bewegen kann katzen als Fleischfresser mit Gemüse zu ernähren und wurde prompt als Verbrecherin und Mörderin beschimpft, nur weil ich gerne Fleisch esse. Hey, soll doch jeder das essen, was er essen möchte. Ich hoffe, hier sachlicher und in gegenseitiger Toleranz über den Veganismus diskutieren zu können. Jedenfalls gefällt es mir sehr gut, was hier über dogmatische Veganer geschrieben wurde. :-)

– Jasmine 2005-01-30 22:45


Die von Dir angesprochene Diskussion fand hier auf Hunde und Katzen vegan ernähren statt, und scheint mir bisher meilenweit von einem Konsens entfernt. Wenn Du da noch Argumente hast, ergänz sie einfach. Auf intolerante Diskussionsteilnehmer wirst Du hier im Wiki auch stoßen - das lässt wohl kaum vermeiden, da es hier keine Zensur oder Benutzersperren gibt. Lass Dich davon nicht abhalten: solange Du sachlich argumentierst, bist Du hier als Omnivorin genauso willkommen wie die Befürworter einer veganen Lebensweise. Ich selbst bin hier übrigens nur noch als Moderator aktiv, und werde deshalb auch auf Deine Faschismus-Vorwürfe nicht weiter eingehen.

– Tim


Ein zensurfreier Diskurs ist ebenfalls im Forum von vegane-katzen.de möglich, allerdings werden themenfremde Diskussionen in den Papierkorb verschoben. In einem Forum über Linux sind schließlich auch Diskussionen über Strickmuster deplaziert. Und Tim: Konsens ist nicht immer und überall zu erzielen, zumindest nicht ohne Zugeständnisse zu machen - und solche Zugeständnisse gehen stets auf Kosten nichtmenschlicher Tiere.

– Tom 2005-01-31 11:02


Einen inhaltlichen Konsens wird es in den seltensten Fällen geben, wenn es um Themen geht, die mit Veganismus zu tun haben. Möglich ist jedoch ein Konsens zum Dissens. Dieser setzt allerdings die Erfahrung voraus, dass es auf eine einseitige Darstellung in einem MPOV-Wiki keinen Anspruch geben kann. Vgl. MPOV.

– Tim


Ein Konsens zum Dissen bedeutet im Klartext vom Veganismus abweichende Positionen zu tolerieren. Vor antispeziesistischen Hintergrund ist dies allerdings unmöglich - ebenso wie es vor antifaschistischen Hintergrund nicht möglich ist faschistische Positionen zu tolerieren.

– Tom 2005-01-31 13:49


Ein Dissens zum Konsens wird nur zu endlosen EditWars führen, die den jeweiligen Positionen eher schaden als nützen. Es bleibt Dir überlassen, was Dir lieber ist - es gibt hier auch kein Verbot für EditWars, macht einfach, vielleicht ist ja nur auf diesem Wege herauszufinden, wie man in einem Wiki miteinander umgehen kann. Nicht-vegane Positionen zu tolerieren bedeutet allerdings nicht, diese unkommentiert stehen lassen zu müssen, oder nicht darauf einzugehen. Auf MPOV stehen auch ein paar beispielhafte Formulierungen dafür. Das inhaltliche, sachliche Reagieren auf andere Meinungen ist zwar mühsamer, als solche Diskussionen mit Aussagen à la „Wie man überhaupt über soetwas diskutieren kann, während da draußen …“ abzubrechen, aber anders ist ein offener Diskurs nun einmal nicht zu führen. Davon abgesehen vertritt das VeganWiki keine eigene Position, auch nicht die des Antispeziesismus. Genau genommen geht es auch nicht um das Tolerieren der anderen Positionen, sondern um die Akzeptanz, dass diese hier neben den eigenen auch aufgeführt (und kommentiert) werden können.

– Tim

1) Nicht-kommerzielle Formen von Gewalt gegenüber Tieren können durch Vermeiden tierischer Konsumgüter allein nicht verhindert werden.
2) Es soll sogar einige Veganer geben, die mit Veganismus richtig Kohle machen ;