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peter_singer [2011/08/15 20:56] (aktuell)
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 +=====  Ethische Auffassung von Peter Singer ​  =====
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 +An dieser Stelle der Versuch, die Ansätze von Peter Singer einmal zusammenzufassen,​ und zwar zunächst aus Sicht des Veganismus. Der Veganismus definiert sich als Ablehnung jeglicher tierischer Produkte, oder Produkte die mittels Tierversuchen entwickelt wurden. Die Basis dessen ist (bei den meisten Veganern, es gibt offenbar auch Ausnahmen, siehe ,,​Polemik"​) eine gegen die Ausbeutung von Mensch und Tier gerichtete [[diskurs:​Ethik|ethische]] oder [[diskurs:​Moral|moralische]] Auffassung. Aus der resultiert die Forderung, den Lebewesen ein möglichst glückliches Leben zu ermöglichen und Leid zu vermeiden. Nimmt man jedoch nur den Ansatz als Grundlage, Leid, also physischen oder psychischen Schmerz zu verhindern, wäre es korrekt oder ,,​vegan",​ einen Menschen zu essen solange dieser völlig schmerzfrei getötet würde. Offenbar kollidiert dies mit anderen ethischen Auffassungen,​ die Singer als ein ethisches System entwickelte.
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 +Es wäre mit dem Gewissen der meisten Menschen nicht vereinbar, einen anderen Menschen zu töten. Singer kritisierte daran jedoch, dass diese Ansicht nur durch die Spezies (,,​Mensch"​) begründet ist, und damit willkürlich und ungerecht. Er leitet daraus den Antispeziesismus ab, nachdem Lebewesen nicht aufgrund ihrer Art oder Spezies diskriminiert werden dürfen.
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 +Wenn jedoch eine ethische, also logisch ableitbare und nicht speziesistische Unterscheidung möglich sein soll zwischen Lebewesen, die wir töten und essen und anderen, die wir nicht töten, bedarf es eines anderen Konzeptes. Und als ethisch vertretbares Merkmal formulierte Singer das Bewusstsein eines Lebewesens über sein eigenes Leben. Das heißt, ein Lebewesen darf dann schmerzfrei getötet werden, wenn es keine Vorstellung über sein eigenes Leben oder Begriffe wie Zukunft und Vergangenheit hat. Zu diesen ,,​Personen"​ zählt Singer neben Menschen auch weitere höhere Lebewesen, z. B. Affen, während andere Lebewesen, darunter auch ganz junge Säuglinge oder an Alzheimer erkrankte Menschen, als ,,​Nicht-Personen"​ definiert werden.
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 +Dies brachte Singer heftige Kritik ein. Zum einen, weil die Feststellung,​ ob ein Lebewesen ein Bewusstsein über das eigene Leben und damit ein Interesse daran hat oder nicht, zum Teil sehr schwierig ist und der Willkür wieder Tor und Angel öffnet. Zum anderen, weil damit zum Teil auch Menschen (z. B. mit Behinderung) als Nicht-Personen definiert werden, was gerade in Deutschland in Bezug auf die Euthanasieprogramme der Nazis von den meisten zu Recht als völlig inakzeptabel abgelehnt wird.
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 +Singer ergänzte seine Überlegungen auch noch aus Vorstellungen,​ welche dem Utilarismus angelehnt sind. Diese besagen, dass den Lebewesen insgesamt das größtmögliche Glück ermöglicht werden soll. Das bedeutet im Kontext von Singer, dass auch ein Lebewesen das keine Person ist nicht getötet werden darf, wenn darunter andere Lebewesen (z. B. die Mutter) leiden würden. Doch auch hier ist Kritik angebracht: zum einen lassen sich Glück und Schmerz kaum messen und aufrechnen, zum anderen würde es z. B. Menschen mit Behinderung erst Recht vom Willen der Gesellschaft abhängig machen, was der Euthanasie noch näher kommt.
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 +Würde man eine Ausnahme beim Menschen machen und jedem Menschen, gleich welchen Zustandes, ein Recht auf Leben zugestehen, käme dies den verbreiteten ethisch-moralischen Vorstellungen am nächsten, wäre jedoch wieder speziesistisch (,,positive Ausnahme"​).
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 +Eine praktische Umsetzung Singer'​s Ethik wäre sicher denkbar, wenn z. B. das Töten von Menschen generell als sehr schädlich (,,​unnützlich"​) für eine Gesellschaft an sich bewertet würde (,,Zerfall der Sitten, unmenschlich"​). Doch auch diese Vorstellung hinterlässt ein ungutes Gefühl, wären diese Menschen doch auf Gedeih und Verderb abhängig von diesem ,,​Nutzen"​ statt einfach ein verbürgtes Recht auf Leben zu haben, wie alle anderen Menschen auch. Auch Fragen wie Abtreibung, potentielles Leben oder Sterbehilfe spielen im Zusammenhang mit Singer eine Rolle. Was wiegt schwerer, das Selbstbestimmungsrecht der Frau, oder das Überleben von einigen wenige Tage alten Zellen?
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 +Auf jeden Fall wäre es falsch, Singer pauschal zu verurteilen oder hochzujubeln. Für die ernährungsrelevanten Fragen hat er ethisch schlüssige Argumentationen geliefert. Sie führen in der Praxis mehr oder weniger direkt zum Veganismus, da der Konsum tierischer Produkte schon allein aus ökonomischen Gründen nahezu immer mit Leid verbunden ist. Die Anwendung von Singer'​s Ethik auf den Menschen ist jedoch nicht vertretbar. Eine positive Diskriminierung des Menschen wäre zwar ,,​speziesistisch",​ aber eben auch nur menschlich und moralisch ohne weiteres auch im Sinne der anderen Ansätze Singers vertretbar, solange seine ,,​Regeln"​ bei anderen Lebewesen nicht verletzt werden. Ein Mensch kann also durchaus vegan sein //und// sich für die Rechte des Menschen einsetzen.
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 +Nachtrag: wenn Antispeziesismus aus einer [[diskurs:​Moral|moralischen]] Auffassung resultiert, welche sich gegen die Ausbeutung und das Leid von Mensch und Tier richtet, dann kann er nur gemeinsam mit anderen Einstellungen gelebt werden. So zum Beispiel die Ablehnung von Diskriminierung aufgrund des Geschlechts,​ der Sexualität,​ der Hautfarbe, der kulturellen oder ,,​sozialen"​ Herkunft, des Alters und eben auch körperlichen oder geistigen Abweichungen vom so genannten Durchschnitt. Geht man von dieser gemeinsamen [[diskurs:​Moral|moralischen]] Grundlage aus, dann können die Ausführungen Singers, zumindest der Antispeziesismus nicht als Aufforderung verstanden werden, dem Leben von Menschen mit Behinderung keine volle Berechtigung zuzusprechen. Ganz im Gegenteil, es wäre inkonsequent sich einerseits für Tiere einzusetzen,​ andererseits aber Menschen herabzuwürdigen z. B. durch das Posten und dummkommentieren von sexistischen Bildern von Menschen mit Behinderung,​ wie neulich z. B. auf einer so genannten ,,​Vegan-"​ oder ,,​Tierschutz"​-Seite geschehen (siehe ,,​Polemik"​).
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 +=====  Weiterführende Quellen ​  =====
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 +  * [[http://​www.utilitarian.net/​singer/​|Utilitarian Philosophers:​ Peter Singer]] - Umfassende Linksammlung zu Artikeln von Peter Singer, Exzerpten einiger seiner Bücher und aktuellen Terminen.
 +  * [[http://​de.indymedia.org/​2004/​12/​101469.shtml|Indymedia:​ Anti-Singer-Aktion in Heidelberg]] - Gegen Euthanasie und Verwertungslogik.
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 +=====  Globalisierungsethik ​  =====
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 +Ausgehend von seinen hauptsächlich bioethischen Betrachtungen beschäftigt sich Singer seit einiger Zeit mit Globalisierungsethik und hält dazu Vorträge, unter anderem am 29. Mai in Leipzig ([http://​wwwvm.rz.uni-leipzig.de/​~ifabdez5/​presse/​index.php?​pmnummer=2005178 Uni Leipzig: Sonntagsgespräch zur Globalisierungsethik mit Peter Singer]).
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 +Übersetzung der Rede Singers zur Globalisierungsethik:​ [http://​www.telepolis.de/​r4/​artikel/​20/​20226/​1.html Telepolis:​Globalisierungsethik].
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 +[[Ordner:​Autoren|Ordner:​Autoren]] [[Ordner:​Ethik|Ordner:​Ethik]]
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