Das Vitamin B12

Dr. med. M. O. Bruker

Lebensnotwendig für Gemischköstler und Vegetarier

Die etablierte medizinische Wissenschaft vertritt immer noch das Dogma, daß der Mensch ohne tierisches Eiweiß nicht existieren könne. Die scheinbar zugkräftigsten Argumente gegen die vegetarische Ernährung stützen sich auf rein chemisch-analytische Untersuchungsmethoden, wogegen geographische Beobachtungen an riesigen Bevölkerungsgruppen über Jahrtausende nicht zur Beurteilung herangezogen werden. Gründliche Durchsicht der wissenschaftlichen Literatur über ein halbes Jahrhundert liefert keine wissenschaftlich haltbare Begründung für die These, daß ein Drittel der Einweißzufuhr aus tierischen Nahrungsmitteln stammen müsse. Trotzdem wird unentwegt an den Universitäten, in Lehr-und Schulbüchern, in der Tagespresse und bei jeder sonstigen Gelegenheit die Fleischthese als ein Lehrsatz vorgebracht, an dem überhaupt kein Zweifel möglich sei. Es ist nicht nur aus Gründen der wissenschaftlichen Sauberkeit und Wahrheit notwendig, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen diese These des Tieressenmüssens vorzugehen, sondern genauso dringend im Hinblick auf die Welternährungslage. Könnten doch auf dieser Erde fünfmal mehr Menschen ernährt werden, wenn nicht der verschwenderische und unnötige Umweg über das Tier gegangen würde. Dabei steigt der Verzehr von tierischem Eiweiß „reicher„ Länder immer noch unablässig.

Diese nüchternen Fakten, daß seit Bestehen der Welt Milliarden Menschen ohne tierisches Eiweiß gelebt haben und dabei gesund waren, stehen also in krassem Gegensatz zu dem Dogma der Lehrmedizin, daß es ohne tierisches Eiweiß nicht ginge. Solche Widersprüche sind in der Wissenschaft nicht selten. Claude Bernard sagt dazu: „Wenn die Tatsache, mit der wir es zu tun haben, im Gegensatz zu einer herrschenden Theorie steht, muß man die Tatsache akzeptieren und die Theorie abtun.“

Dies trifft genau auf das vegetarische Problem zu und ganz besonders auf die These, der Mensch benötige deshalb tierische Nahrung, weil sonst die Gefahr ungenügender Versorgung mit Vitamin B12 bestünde; denn dieses lebensnotwendige Vitamin käme nur in tierischen Nahrungsmitteln vor, also sei deren Verzehr unerläßlich.

Gesunde Veganvölker ohne B12-Zufuhr

Dafür, daß auch an dieser These etwas nicht stimmen kann, spricht ähnlich wie bei der Frage des Eiweißbedarfs die Tatsache, daß Milliarden Menschen aus der Vergangenheit und Millionen in der Gegenwart ohne Tierprodukte leben. Da Vitamin B12 nicht nur im Fleisch, sondern auch in den Tierprodukten Milch und Ei vorkommen, können alle Völker, die jegliche Tierprodukte meiden, ebenso als Beweis dafür angeführt werden, daß eine Ernährung ohne B12-haltige Tierprodukte nicht zu Gesundheitsschäden führt, wie dies für die Deckung des Eiweißbedarfs gilt. Auch für diese Bevölkerungsgruppen, die regelmäßig keine tierischen Nahrungsmittel verwenden und die Milch nicht kannten und trotzdem genug Vitamin B12 zur Verfügung haben mußten, können ausgedehnte geographische Zonen angeführt werden. Solche Völker finden sich in Indonesien, Afrika, Asien und Ozeanien. Riesige Bevölkerungen lebten Jahrtausende lang ohne Milch und fast ohne Fleisch und Ei, dies eben nur bei seltenen Ausnahmen. Da diese Bevölkerungen sehr fruchtbar waren (und sind) und die Fruchtbarkeit des Spermas stark von genügender Versorgung mit Vitamin B12 abhängt, müssen sie genug von diesem Vitamin bekommen haben auch ohne tierische Nahrung. Die Binnenlandpapua von Neuseeland zum Beispiel sind bei praktisch reiner Pflanzenkost körperlich gut entwickelt und zur Leistung von Schwerarbeit fähig, ohne daß irgendwelche B12-Mangelschäden gefunden wurden - und dies bei 30 g rein pflanzlichem Eiweiß. Dies geht aus Untersuchungen von Oomen, Voeding et al, der Sektion für menschliche Anpassungsformen des internationalen biologischen Programms hervor. Darüber ist referiert in „Wendepunkt„ Nr. 8/1968, S. 348. Dasselbe ist berichtet von den Einwohnern von Okinawa, den Nordchinesen und den jemenitischen Juden.

Nun liegen aber zudem aus neuerer Zeit wissenschaftliche Untersuchungen von Prof. Per-Arne Öckerman vor, die an einer Gruppe von Personen durchgeführt wurden, die sich seit drei bis dreißig Jahren von reiner Vegankost, also ohne Fleisch und jegliche Tierprodukte ernährt haben. Prof. Öckerman hat das Untersuchungsergebnis auf einer Ärzteversammlung in Stockholm Ende 1979 vorgelegt. In der schwedischen „Tidskrift för Hälsa“, Heft 2/79 ist darüber berichtet.

Die Menge an Vitamin B12 lag in der Vegankost außerordentlich niedrig. Nur in milchsauren Gemüsen und Getreidebrei konnte eine geringe Menge B12 nachgewiesen werden. Ein Vergleich mit einer Kontrollgruppe von Rentnern ergab, daß diese zehnmal so viel Vitamin B12 zu sich nahmen. Das Überraschende war jedoch, daß im Blut der Vegans ausreichend Vitamin B12 vorhanden war. Als Nebenbefund fand sich, daß die Veganer zwei- bis dreimal mehr Kalium, Magnesium, Zink zu sich nahmen als die Kontrollgruppe. Zusammenfassend urteilte Prof. Öckermann, daß die Veganernährung eine realistische Alternative im Kostsystem darstellt.

Mit der Feststellung, daß in Wirklichkeit Leben und Gesundheit ohne Vitamin B12-haltige Tierprodukte möglich ist, könnte man das Thema „Vitamin B12„ eigentlich ad acta legen. Es ist aber interessant und erscheint auch notwendig, im einzelnen aufzuzeigen, wie sich die Widersprüche zwischen den analytischen Forschungsergebnissen und den Beobachtungen in der Wirklichkeit erklären lassen. Dabei sollen folgende Ausführungen helfen.

Vorkommen von Vitamin B12

Vitamin B12 ist lebensnotwendig. Chemisch ist es Cobalamin. Das Molekül ist ein Coenzym und enthält das Spurenelement Kobalt. Es gibt mehrere B12-Formen, deren Wirkungsweise verschieden ist, das Cyanocobalamin, das Hydroxocobalamin und das Methylcobalamin. Im Blut findet es sich als Methylcobalamin. Die in der Therapie verwendeten Formen entsprechen nicht der im Körper vorkommenden Coenzymform. Der Entdecker von Vitamin B12 ist Lester Smith. Die Reindarstellung gelang erstmalig 1948. Das Vitamin ist sehr stabil, das durch Hitze, Licht, Alkali oder Bestrahlung kaum etwas von seinen Eigenschaften verliert.

Schon die verschiedenen Formen von B12 und ihre unterschiedliche Wirkung weisen darauf hin, daß das Vitamin B12-Problem komplizierter ist als allgemein dargestellt. Zur weiteren Kompliziertheit trägt die interessante Tatsache bei, daß B12-Mangel genau dieselben Schäden hervorruft wie die Vergiftung durch ein Cyanid. Zur Entgiftung des Cyanids benötigt der Körper genug schwefelhaltige Aminosäuren im Eiweißmolekül, nämlich Methionin und Cystin. Diese Aminosäuren finden sich in pflanzlicher Kost eher als in tierischer. Es kommt darauf an, die Pflanzenkost richtig zu kombinieren. Es gibt auch cyanidhaltige pflanzliche Nahrungsmittel, die die Lage verschärfen können. Zu wenig B12 und zu viel Cyanid können dann zusammentreffen. Die Lage kann aber auch durch Rauchen verschärft werden.

B12-Mangelschäden entstehen nur durch Mangel an brauchbarem B12, und die Wirkung des Cyanids entsteht, wie man jetzt weiß, dadurch, daß es das verfügbare B12 unverwendbar macht. Aber auch dazu kommt es meistens erst dann, wenn zu wenig Coenzym zur Verfügung steht. Überdies ist ausreichende Folsäure wichtig, weil ein Mangel daran die B12-Wirksamkeit ebenfalls herabsetzt. Unerhitzte Grünblattpflanzen sind die besten Großlieferanten von Folsäure. (Dr. Frank Wokes).

Lange Zeit wurde angenommen, daß B12 nur in Nahrungsmitteln tierischer Herkunft vorkomme, nicht in Obst und Gemüse. Diese Aussage erweckt den Eindruck, als ob Vitamin B12 tierischer Herkunft sei. Dies trifft aber nicht zu; denn Vitamin B12 wird ausschließlich von Bakterien und anderen pflanzlichen Mikroorganismen und Schimmelpilzen gebildet, ist also vom Ursprung her durchaus keine Gabe des Tierreichs. Auch die als Medikament verwendete Form stammt aus natürlicher Synthese, nämlich aus Gärungsprozessen, bei denen die Mikroorganismen (Propionsäurebakterien) mit rein pflanzlichen und mineralischen Stoffen gefüttert werden. Das Tier ist also bestenfalls ein Zwischenträger des Vitamins.

Die Beobachtung, daß bei geringer B12-Zufuhr in der Nahrung sich im Blut Vitamin B12 in mehr als ausreichender Menge findet, hat von jeher vermuten lassen, daß B12 im Darm von Mikroben gebildet wird. Diese Vermutung hat heute der Sicherheit Platz gemacht. Als erster wies Dr. Wolfgang Tilling nach, daß B12 im Darm produziert und auch genügend resorbiert werden kann. In einer Studie des Frances Stern Nutritional Center an der Tuffs Medical School in Besten wird gezeigt, daß Kinder, die noch nie in ihrem Leben Tierkost bekommen haben, reichlich mit Vitamin B12 versorgt waren.

William Shurleff, Direktor des New Age Food Center in Lafayette/USA, weist auf die Möglichkeit der innerleiblichen Produktion von B12 im Menschen hin. Daß dies im Darm durch Mikroorganismen stattfindet, steht heute außer Zweifel.

Wenn auch der hohe B12-Gehalt im Blut bei Vegans bei dem niedrigen Gehalt an B12 in pflanzlichen Lebensmitteln dafür spricht, daß eine Quelle der B12-Produktion im Körper selbst - also mit Sicherheit Mikroorganismen im Darm - stattfindet, so darf andererseits der Gehalt an B12 in pflanzlichen Lebensmitteln nicht unterschätzt werden.

Nach dem Vitalstofftabellarium von Prof. Schweigart findet sich in Weizen und Roggen je 0,1, in Hafer 0,3y/100 g; zum Vergleich in Vollmilch 0,7y/100 g. (y ====== 1 gamma ====== 1 Millionstel Gramm)

Shurleff nennt noch andere Lebensmittel, in denen B12, wenn auch in geringen Mengen, nachgewiesen ist und die eine regelmäßige Zufuhr von B12 garantieren. Er unterscheidet drei Gruppen:

1. durch Fermentation mit Hilfe von Bakterien und Schimmelpilzen gewonnene Sojaprodukte wie Miso, Tempeh und Natto

2. Einzeller-Proteine, vor allem Mikroalgen (Spirulina, Chlorella und Scenedesmus) und Hefen

3. Nahrungspflanzen des Meeres.

Bei Hefen ist wesentlich, ob sie auf entsprechenden Nährböden gewachsen sind. Grundsätzlich wichtig ist aber, daß sie imstande sind, B12 zu produzieren. Manche dieser Lebensmittel enthalten soviel B12, daß schon kleine Mengen ausreichen, um den Tagesbedarf eines Erwachsenen zu decken; so enthalten z. B. 6,5 g Spirulina das 5 1/2 fache der von National Research CounciI der National Academy of Science festgelegten Bedarismenge. Es gibt also pflanzliche Lebensmittel, die reiche Quellen von B12 sind.

In der Literatur finden sich noch Angaben über andere Nahrungsmittel, in denen B12 nachgewiesen wurde. Es werden genannt: Petersilie, Pfirsiche, Schwarzwurzeln, Getreidekeime, Zitronenmelisse, Beinwell (Symphytum) = Comfrey, Erdnüsse und Sauerkraut. Die vergorenen Sojaprodukte sind schon erwähnt. Bei Sauerkraut, bei dem eine bakterielle Gärung stattfindet, läßt sich der B12-Gehalt leicht erklären. In neuen Produkten der Firma Kanne, dem „Brottrunk“, der durch besondere Gärungsprozesse aus Demetergetreide hergestellt ist, und dem entsprechenden „Demeter-Ferment-Getreide„ findet sich It. Analyse 1 y B12 in 100 g.

Für den Gehalt an B12 in Pflanzen spielen auch Bodeneigenschaften, d. h. Humusreichtum und Kobaltgehalt eine Rolle. In Böden mit langer Kunstdüngerbewirtschaftung ist sowohl der Humus wie der Kobaltgehalt geringer. Dies kommt z. B. am wechselnden Gehalt von B12 in der Kuhmilch zum Ausdruck.

Es sei nochmals betont: B12 herstellen können nur Bakterien, Schimmelpilze, Algen und Hefen und zwar im Übermaß. Alles höhere Leben bezieht seinen Bedarf von ihnen.

Bedarf an Vitamin B12

Auch über den täglichen Bedarf an B12 besteht in wissenschaftlichen Kreisen noch keine Einigkeit. Man schätzte früher die nötige Menge auf 3 y.

Nach Shurleff ist eine Anzahl namhafter Ernährungsforscher der Überzeugung, daß der tägliche Bedarf wesentlich niedriger liegt als offiziell angenommen (nach UNO 2 y). Shurleff erwähnt Untersuchungen von Victor Herbert, wonach statt 3 y schon 0,1 y täglich für einen normalen Menschen ausreichend sind. Zum gleichen Resultat gelangten Ärzte bei Untersuchungen von Siebenten-Tags-Adventisten an der Loma-Linda-Uni-versität. Zen-Mönche beschränkten sich jahrhundertelang streng auf Pflanzenkost, dabei galten sie als die gesündesten und langlebigsten Glieder der Gesellschaft. Was sie sich an B12 zuführten, kam im Regelfall aus vergorenen Sojaprodukten und aus Meerespflanzen.

Ralp Bircher berichtet im „Geheimarchiv der Ernährungslehre“ (S. 46ff.) über die Untersuchungen von Bergersen und Hipsley, die 1979 im Darm der Batatenesser im Hochland von Neuguinea Bakterien nachgewiesen haben, die aus dem im Darm vorgefundenen Luftstickstoff hochwertige Aminosäuren synthetisierten. Die Bataten, von denen sich diese Menschen fast ausschließlich (80-90 %) ernähren, sind eine Art Süßkartoffel. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, daß diese von den Bakterien im Dickdarm erzeugten Aminosäuren vom Dickdarm resorbiert werden, also in Blut und Lymphe übergehen. Auf diese Weise decken die Batatenesser ihren Eiweißbedarf. Damit haben sich die Zweifel, ob Bakterienprodukte vom Dickdarm in den Organismus gelangen, als unbegründet erwiesen. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Parallele zu B12, das ebenfalls in erheblichen Mengen von Bakterien im Dickdarm erzeugt wird. So erklärt es sich, daß bei diesen Vegans keinerlei Erscheinungen von B12-Mangel gefunden wurden, obwohl diese Menschen hart und hurtig arbeiten. Dies ist deshalb so bedeutungsvoll, da immer wieder die Aufnahmefähigkeit von B12 aus dem Dickdarm bezweifelt wurde, während die Resorption des mit der Nahrung aufgenommenen B12 im Dünndarm bekannt ist. Hierzu ist allerdings der Begleitstoff des intrinsic faktors notwendig.

Der Bedarf an B12 ist bei Ernährung mit reiner Pflanzenkost wesentlich geringer als beim Verzehr von Tierprodukten. Man nimmt an, daß dies darauf beruht, daß die Vegans durch den reichlichen Genuß von Frisch-Grünkost viel mehr Folsäure zu sich nehmen, die beim Blutaufbau das Vitamin B12 teilweise ersetzen kann. Da die Folsäure thermolabil ist, kann Kochen die Hälfte der Folsäure vernichten.

Die Erzeugung von Vitamin B12 setzt eine gesunde Darmflora voraus. Die enzymreiche Rohkost hat auf die Darmflora einen ausgesprochen regenerierenden Einfluß, während Fleischkost ungünstig wirkt. Ralph Bircher weist darauf hin, daß Fleischesser trotz aller B12-Zufuhr an B12-Mangel leiden, da ihr Organismus nicht auf wirksame Eigenproduktion umschalten kann. Dem oft gerühmten Vorteil, daß gemischte Kost eine so schöne Zufuhr von B12 garantiert, steht der Nachteil gegenüber, daß sie die bakterielle Grundlage seiner Produktion im Körper selbst gefährdet.

Nach l. J. Hutchins scheint sich die Tüchtigkeit der Darmflora in der Vitaminerzeugung umgekehrt proportional zur Vitaminzufuhr zu verhalten. Wenn ein Vitamin in der Nahrung fehlt, wird es im Darm erzeugt und umgekehrt werden Vitamine weniger erzeugt, wenn die Nahrung genug davon zuführt. Die Anpassung benötigt allerdings eine gewisse Zeit. Nach meinen klinischen Erfahrungen ist die Darmflora die Resultante der Kostform, die in den letzten drei Monaten verzehrt wurde.

Vitamin B12-Mangel ist also kein vegetarisches Problem, sondern erweist sich angesichts der Tatsache, daß B12 ausschließlich von Mikroben produziert wird, in erster Linie als ein Problem der Darmflora.

Bei den Wiederkäuern unter den Pflanzenfressern (Rind, Schaf, Ziege usw.) wird das B12 durch die Bakterienflora des Pansen erzeugt und geht in den Organismus und die Milch über. Bei nicht wiederkäuenden Pflanzenfressern (Kaninchen, Elefant) geschieht die Aufnahme des von den Darmbakterien erzeugten B12 teilweise durch Koprophagie (Kotfressen). Andere monogastrische Tierarten (mit 1 Magen) resorbieren das B12 in größerem Umfang aus dem Dickdarm. Es ist unverständlich, weshalb beim Menschen die Aufnahme von B12 aus dem Dickdarm angezweifelt wurde. Es gibt aber keine andere Erklärung für die volle Gesundheit von Vegans und deren hohem B12-Gehalt im Blut trotz des geringen B12-Gehalts in der Nahrung.

Vitamin B12-Mangelerscheinungen

Am bekanntesten ist, daß Vitamin B12 zur Blutbildung notwendig ist. Eine bestimmte Form der Blutarmut (hyperchrome Anämie) ist daher eine der Folgen von B12-Mangel. Für die Entstehung der perniziösen Anämie infolge Vitamin B12-Mangel sind aber noch andere Faktoren von Bedeutung: Für die Verwertung des mit der Nahrung zugeführten Vitamins B12 ist eine Art „Begleitschutz„ bis zur Resorptionsstelle im Dünndarm in Form des intrinsic faktors nötig, an den es im Magen gekoppelt wird. Der intrinsic faktor ist ein Glykoprotein, das bei der Eiweißverdauung im Magen entsteht. Bei fehlender Magensäure oder bei fehlendem Magen infolge Operation fällt die Eiweißverdauung und damit die Bildung des intrinsic faktors und der Begleitstoff für B12 aus. Aber selbst bei intaktem Magen kann der intrisic faktor durch Antikörper blockiert werden.

Zur Vermeidung von Mißverständnissen ist vielleicht der Hinweis nötig, daß in der heutigen Zivilisation Anämien sehr zahlreich sind, die mit Vitamin B12-Mangel nichts zu tun haben. Interessant ist auch, daß solche Anämien bei Fleischessern häufiger sind als bei Vegetariern und daß sie bei Fleischessem sich rasch durch zusätzlichen Verzehr von Frischkost beheben lassen. Einzelne Fälle von Anämien bei Vegans werden verständlicherweise in der Literatur hochgespielt, sind aber im Vergleich zu der Zahl von Anämien bei der üblichen Zivilisationskost, die oft sehr einseitig ist, eine Ausnahme.

Andere mögliche Folgen von Vitamin B12-Mangel sind degenerative Erkrankungen des Nervensystems, z. B. die funikuläre Myelose. Aber auch im psychischen Bereich kann B12-Mangel zu Störungen wie Depression und neurasthenischen Zuständen führen.

Da Vitamin B12 bei vielen intermediären Prozessen im Eiweiß-, Fett- und Kohlenhydratstoffwechsel der einzelnen Zellen beteiligt ist, kann es im weitesten Sinne als stoffwechselnotwendig und für die körperliche und geistige Gesundheit als unerläßlich bezeichnet werden. Infolge seiner universellen Funktionen wird es in der Medizin heute auch sehr vielseitig verwendet, aber nicht bei Vegetariern und Vegans, sondern eben bei den zahlreichen ernährungsbedingten Zivilisationskrankheiten. Die therapeutisch verwendeten Präparate stehen aus mikrobieller Synthese billig zur Verfügung.

In den einzelnen Organen kommt B12 in unterschiedlichen Konzentrationen vor, am stärksten in der Leber und den blutbildenden Organen des Knochenmarks. In der Leber ist eine Speicherung bis zu 5000 y möglich, so daß vorübergehend verringerte B12-Zufuhr über lange Zeit ausgeglichen werden kann. Gefahr der Unterversorgung besteht bei einem Blutspiegel unter 100 y/ml. Ein Spiegel von 300-400 y/ml im Blut ist die Norm. Bei ausreichender Eiweißzufuhr sinkt der Bedarf an B12 um so mehr, je höher die Folsäurezufuhr ist.

Einige Zusammenbrüche von Vegans nach dem zweiten Weltkrieg, auf die in der Literatur immer wieder Bezug genommen wird, auf B12-Mangel zurückzuführen, erscheint angesichts der Tatsache, daß Milliarden Menschen seit Jahrtausenden bei einer solchen Kostform gesund und leistungsfähig blieben, nicht berechtigt. Stellt man diesen Einzelfällen die große Zahl von „Zusammenbrüchen“ bei Gemischtessern gegenüber, deren Ursache nicht geklärt ist, so verlieren jene Fälle an Relevanz.

Zusammenfassend ist aus den zahlreichen angeführten Fakten der Schluß zu ziehen, daß vom wissenschaftlichen Standpunkt aus ungenügende B12-Versorgung kein stichhaltiges Argument gegen vegetarische Ernährung ist, auch in der strengen Form der Vegans ohne Milchprodukte und Ei. Gesunde und leistungsfähige Menschen, die sich so ernähren, sind ein unumstößlicher Beweis. Wenn bei chemisch-analytischer Betrachtung noch Lücken in der Erklärung der nicht zu widerlegenden Realität bestehen, so soll dies zwar zu weiterer wissenschaftlicher Forschung anregen; ungenügende Forschung berechtigt aber nicht, sie als Beweis gegen die Realität zu verwenden.

Literaturnachweis

Bircher, Ralph: Fleisch und Anaemie, Wendepunkt 1972/10 Bircher, Ralph: Pflanzenesser auf dem Prüfstand, Wendepunkt 1970, Bd. 2, Heft 1 bzw. Geheimarchiv der Ernährungslehre, S. 456 ff. Bircher, Ralph: Geheimarchiv der Ernährungslehre, Verlag Edition Wendepunkt Harding, M. G. und Crooks, H.: Non-flesh dietaries adequate and inadequate. J. Am. Diet. Ass. 1964/45, 537 n. Plant Foods f. H. N. 1969j2 HöppI, Karl Albrecht: Die Versorgung mit Vitamin B12, Wendepunkt 2/1976, S. 59-63, Wendepunkt 3/1976, S. 118-122, Wendepunkt 4/1976, S. 162-167 HöppI, Karl Albrecht: Erfreuliches über Vitamin B12, Der Vegetarier 3/1980, S. 52 Hutchings, l. J.: Nutritional Observatory 10 : 45,1949 in R. Turrell: Diseases ofthe Colon and Anorectuml,p.92,1959 Long, A. und Wokes, F.: Vitamins and minerals in plants; in Plant Foods für Human Nutrition, Bd. 1, Heft 1, Mai 1968 Oomen, Voeding: Wendepunkt 8/1968, S. 348 Shurleff: Vegetarian Times Mai/Juni 1979, New York, S. 36 ff Schweigart, Hans Adalbert: Vitalstoff-Tabellarium, Verlag Hans Zauner, Dachau-München, S. 53 ff

Der Vegetarier 35 Jg., Nr. 4, Juli 1984, Seite 147-153


Isabelle, sag mal wie sieht es denn aus mit der Lizenz für diesen Artikel? Wurde der Text freigegeben? Ansonsten müssen wir davon ausgehen, dass der Beitrag unter Copyright steht und ihn hier erstmal wieder entfernen. Man könnte aber mal beim Verlag anfragen, ob wir ihn hier veröffentlichen dürfen, oder ob der Text woanders ins Netz gestellt werden kann damit wir ihn hier (z. B. auf Vitamin B12) verlinken können.

lg, Peppermint 2006-06-15 15:41


Der Bericht stammt aus dieser Zeitung: Der Vegetarier 35 Jg., Nr. 4, Juli 1984, Seite 147-153 und wurde von Dr. med. M. O. Bruker verfasst. Im Sinne der Aufklärung der Menschheit kann der Autor doch gar nichts gegen die Verbreitung seines Textes haben? (Naja, Bruker ist ja bereits gestorben soweit ich weis, aber trotzdem…) Feilchen 2006-06-15 18:00


Das Copyright gilt bis 70 Jahre nach dem Tod. Wir sollten einfach mal bei den Herausgebern des „Vegetarier“ nachfragen, wie das mit den Rechten aussieht. Peppermint 2006-06-16 17:57


Ich kann die Zeitung „der Vegetarier“ nirgends finden. Hab auch gegoogelt. Vielleicht gibt es die gar nicht mehr?? Feilchen 2006-06-16 20:55


… auf jeden Fall sollten wir mal mit der Seite Vitamin B12 querverlinken .) Peppermint 2006-07-10 17:35


Habe ich etwas übersehen, oder ist die jüngste angegebene Quelle übe 25 Jahre alt? Gibt es wirklich nichts aktuelleres?? Was haltet ihr von Dr. Gill Langley, „Vegane Ernährung“ (1999)