Das Verursachungsprinzip und der Veganismus

Ein Ansatzpunkt des Veganismus kann als das „Verursachungsprinzip“ bezeichnet werden: durch die Ablehnung von Produkten die mit der Nutzung von Tieren in Zusammenhang stehen soll verhindert werden, dass die Interessen anderer Individuen aufgrund des eigenen Handelns verletzt werden. Der eigene Konsum, möglichst auch die eigene Produktion (berufliche, handwerkliche u. ä. Tätigkeiten), sollen kein unnötiges Leid verursachen.

Kritiker führen an, dass jegliches Handeln oder Sein zu einem gewissen Grade immer auch auf Kosten anderer Individuen gründen muss.

Zudem stellt sich die Frage, ob ein verändertes Konsumverhalten allein grundlegend etwas an den gesellschaftlichen Verhältnissen ändern kann. Fair-Trade-Produkte beispielsweise lindern sicherlich die Not einiger Bauern in den „weniger entwickelten“ Ländern, ändern jedoch nichts an dem generellen Verhältnis zwischen „entwickelten“ und „weniger entwickelten“ Ländern, welches durch Abhängigkeiten und Ungerechtigkeiten geprägt ist. Der Mensch ist in heutigen Gesellschaften auf den Konsum angewiesen und somit Teil dieser Verwertungsketten. Dies trifft auf einen Veganismus, welcher „menschliche Tiere“ aus den ethischen Überlegungen nicht ausschließt, ebenso zu wie auf diejenigen Produkte und Dienstleistungen, bei denen tierische Bestandteile auch innerhalb der veganen Philosophie als „unvermeidbar“ akzeptiert werden.

Außer Acht gelassen wird beim Veganismus in europäischen Ländern auch, dass die Nachfrage nach Agrarprodukten unabhängig von der Entscheidung zwischen pflanzlichen und nicht-pflanzlichen Produkten weit unter dem bestehenden Angebot liegt. Einer der größten Abnehmer der Agrarindustrie ist die Europäische Union, welche (nicht nur pflanzliche) Produkte mit Steuergeldern aufkauft und vernichtet. Dabei fragt auch niemand, ob der Steuerzahler vegan war oder nicht - entscheidend dürfte viel mehr sein, dass die Agrarlobby einen größeren Einfluss auf die Entscheidungsträger (und deren Wähler) ausübt als die Tierrechtslobby, der Bund der Steuerzahler, andere Industriezweige oder EU-Kritiker.

Nicht wenige Veganer setzen daher auf tiefergehende Ansatzpunkte, etwa einem generellen Engagement gegen den Speziesismus oder für eine nachhaltigere Umweltpolitik. Zudem gibt es Berührungspunkte mit Anarchismus, Panokratie, Kommunismus, Bioregionalismus, Tiefenökologie und anderen Gesellschaftsutopien sowohl aus dem „linken“ als auch dem „rechten“ Spektrum.1)

Die konkrete Wirkung des Veganismus ist nach dem Verursachungsprinzip auf gesellschaftlicher Ebene auch deshalb eher als gering anzusehen, weil Veganer wie bislang nur einen sehr kleinen Anteil der Bevölkerung ausmachen. Dennoch ist seit einiger Zeit ein wachsendes Bewusstsein für rein pflanzliche Produkte zu verzeichnen. Große Supermarktketten, Discounter und Drogeriemärkte bieten zunehmend Sojaprodukte, tierversuchsfreie Kosmetik usw. an, was allerdings die zum Teil miserablen Arbeitsbedingungen in manchen Discountern oder Drogeriemärkten ebensowenig berührt, wie es allein auf die Nachfrage durch vegane Kunden zurückzuführen wäre: Vegetarier oder auch einfach nur gesundheitsbewusste Omnivoren dürften einen erheblich größeren Anteil daran haben, was diese an sich positive Entwicklung sicherlich nicht schlechter macht. Zur Kenntnis zu nehmen ist lediglich, dass der vegane Konsum allein die Probleme weder in ihrer Breite, noch in ihrer Tiefe lösen kann.

Ähnlich wie bei anderen Warenboykotten ist die (ökonomische) Wirkung des Veganismus auch durch die enge Verzahnung von Gütern und Herstellern begrenzt. Wer sich aus ethischen Gründen für ein bestimmtes Produkt entscheidet, unterstützt damit nicht nur die Herstellung der übrigen Produkte des jeweiligen Anbieters, sondern auch all dessen Lieferanten, Dienstleister, Großabnehmer sowie den Staat. Ob die übrigen Angebote des ursprünglichen Herstellers den ethischen Kriterien entsprechen kann der Konsumierende ebensowenig beeinflussen wie den Verwendungszweck der Einnahmen oder Produkte durch die anderen Beteiligten.

Eine veränderte Situation ergäbe sich, würden viele oder fast alle Menschen einer Gesellschaft vegan leben. Zu untersuchen ist daher auch die Signalwirkung, welche von vegan lebenden Menschen ausgeht (vgl. Signalprinzip) sowie die Aufklärungsarbeit mancher Veganer, insbesondere von Tierrechtlern und Tierschützern.

Gesellschaftlich weniger relevant, für das Verständnis des Veganismus jedoch von Bedeutung ist die Betrachtung des Verursachungsprinzipes auf der individuellen Ebene. Ob das gesellschaftlich gesehen nun rational ist oder nicht: die bewusste Auswahl von Lebensmitteln, das Zubereiten rein pflanzlicher Mahlzeiten, die Suche nach ganzheitlichen Lebensansätzen und -alternativen, das Gefühl, sich moralisch „richtig“ zu verhalten, führen zu einem positiven und ausgeglicheneren Lebensgefühl. Hier deutet sich eine spirituelle Komponente an, welche manche Kritiker des Veganismus als eigentlichen Hintergrund des Veganismus auszumachen meinen, während sie von Vertretern eines politischen Veganismus oft übersehen oder negiert wird.

Siehe auch:


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ToDo: Zwischenüberschriften, Wirkungsgrenzen von Boykotten klarer strukturieren (Ausgleich durch Subventionen, fehlende Rekursivität, praktische Unmöglichkeit wenn weitere Kriterien hinzugezogen werden sollen)

– Tim 2005-09-07 19:24

1) Vor den unterschiedlichen weltanschaulichen Hintergründen („links“ gegen „rechts“, „egalitär“ gegen „Recht des Stärkeren“, „authoritär“ gegen „libertär“, „militant“ gegen „pazifistisch“, „dogmatisch“ gegen „undogmatisch“, „reformistisch“ gegen „radikal“ etc. pp. lassen sich die meisten Konflikte zwischen Veganern erst wirklich verstehen. Der Fehler beginnt schon an dem Punkt, bei welchem der Veganismus als eigentständiges (politisches) Konzept über die grundlegenden Anschauungen gestellt wird, statt andersherum z. B. innerhalb bestimmter politischer Strömungen auch den Veganismus zu thematisieren.