Mit der Begründung, etwas wäre doch ganz „normal“, werden bestehende Verhältnisse häufig verteidigt. Ebenso werden Alternativen von Gegnern nicht selten als „extrem“ oder „verrückt“ abgelehnt. Der Bezug zu den herrschenden Normen und Wertvorstellungen sagt jedoch nichts über die Qualität von Ideen aus, oder darüber, welche Interessen bei den jeweiligen Konzepten berücksichtigt oder verletzt werden. Normalität ist demzufolge kein Argument.

Allerdings sollten die geltenden Normen als Hintergrund der individuellen Aufklärung bei der moralischen Beurteilung von Handlungen berücksichtigt werden: gerade weil die bestehenden Normen allgegenwärtig sind, ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass jemand von sich aus Kritik daran übt. Häufig wird die durch gesellschaftlich etablierte Verhaltensweisen verursachte Gewalt kaum oder gar nicht als solche wahrgenommen.

Um Aktionen zur Förderung gesellschaftlicher Veränderungen wirksamer zu gestalten, ist es angebracht, deren naheliegenden Ziele auf die jeweiligen Normen und Werte verschiedener Zielgruppen anzupassen.

Einen wesentlichen Anteil an der Suche nach Normalität hat offenbar die Sicherheit, die sich aus der Anpassung an die etablierten Verhaltensweisen ergibt. Der Norm zu entsprechen, birgt weniger Konflikte, als sie in Frage zu stellen und von ihr abzuweichen. Dem könnte man Beispiele aus der Geschichte oder anderen Gesellschaften entgegenstellen, die zeigen, dass das Übliche eben nicht immer das Richtige ist. Gleichzeitig ist es vermutlich aber auch hilfreich, dem Bedürfnis nach Sicherheit durch praktische Beispiele und Referenzen auf die konkrete Anwendung von Ideen durch andere entgegenzukommen, um zu signalisieren, dass man auch mit neuen Normen und Werten nicht allein dasteht.


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