Rational argumentieren statt Moralisieren

Öffentlichkeitsarbeit für Veganismus oder Tierrechte setzt oft auf moralische „Argumente“: schockierende Bilder und abwertende Begriffe (Dysphemismen) sollen die Verwerflichkeit der Tiernutzung demonstrieren, gleichzeitig werden vegane Alternativen als „ethische Notwendigkeit“, als einzig moralisch vertretbarer Weg gehandelt. Oft wird auf die angebliche Wirksamkeit einer solchen Herangehensweise verwiesen. Das Problem dabei: statt den Rezipienten rationale Gründe in die Hände zu geben, warum etwas abzulehnen oder zu befürworten ist, versuchen moralische Argumente das Ergebnis der Prüfung und Beurteilung von rationalen Argumenten vorwegzunehmen, und als gesellschaftliche Norm zu etablieren. Auf diese Weise lässt sich jeder nur denkbare Standpunkt als moralisch richtig definieren und vertreten. Das Ergebnis sind sich gegenüberstehende Positionen, die sich gegenseitig als unmoralisch stilisieren. Diese Beliebigkeit ist Grund genug, auf Moralisieren zu verzichten, und statt dessen folgende Fragen zu klären:

  • Welche Interessen und Bedürfnisse haben die Beteiligten einer Situation?
  • Welche Bedeutung haben die Interessen für die jeweiligen Beteiligten?
  • Wo stehen sich diese Interessen gegenüber? Wo werden Interessen verletzt?
  • Durch welches Verhalten lassen sich verletzte Interessen besser berücksichtigen?

Die so gewonnenen Erkenntnisse lassen sich, im Gegensatz zu moralischen Aussagen, überprüfen und bestätigen oder widerlegen. Damit ist es jedem möglich, die Argumente anhand eigener moralischer Vorstellungen (was ist gut? was ist schlecht?) zu beurteilen.

Rationales Argumentieren schließt nicht aus, moralischen Normen die eigenen moralischen Aussagen verbal und non-verbal (Diskursive Praxis) entgegenzusetzen. Eine solche moralische Haltung kann aufmerksam machen und Beispiele setzen, wirkliche Argumente ersetzen jedoch kann sie nicht. Peppermint 2006-08-17 22:19


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Hm, sehe ich ein wenig anders. Welches Argument hindert mich daran einem Schwächeren (der sich voraussichtlich auch nicht rächen kann) etwas an zu tun um selbst daraus Profit zu schlagen? Was hindert mich daran mal schnell bei anderen Leuten was zu zocken? Ich finde da keine Argumente außer meiner Moral. Das Wissen bezüglich der Empfindungen eines anderen Lebewesens sind für mich ausreichend um eine destruktive Handlung nach allen Möglichkeiten zu unterlassen. Zugegeben, ich verstehe verzweifelnd nicht warum dies nicht bei allen Menschen der Fall ist aber es macht mich schon sehr traurig das wir es überhaupt nötig haben zu argumentieren. Warum es nicht OK ist ein Kind z. B. in einen Zwinger zu sperren käme keinem in den Sinn mit Argumenten zu untermauern, oder?

Außerdem kommt dazu das viele Menschen sehr einfach gestrickt sind und gerade emotionale Bilder mehr Wirkung zeigen als alle Argumente. Ich denke es kommt ganz auf den Gesprächspartner an und bei manchen nutzen alle Argumente nichts. Wenn die behaupten ihre Opfer können gar nicht leiden dan ist das eben so und wenn nicht ist es ihnen halt egal… Feilchen 2006-08-23 19:11


Welches Argument hindert mich daran einem Schwächeren (der sich voraussichtlich auch nicht rächen kann) etwas an zu tun um selbst daraus Profit zu schlagen? Was hindert mich daran mal schnell bei anderen Leuten was zu zocken? Ich finde da keine Argumente außer meiner Moral.

Eben, deiner Moral. Umgekehrt sehen die meisten es als moralisch unbedenklich an, z. B. Kuhmilch zu trinken. Da stehen sich zwei moralische Vorstellungen gegenüber, die sich jeweils nicht widerlegen lassen, weil beide moralischen Sichtweisen ja tatsächlich exisiteren, deine genau genommen sogar von weniger Menschen geteilt wird.

Der meines Erachtens bessere Ansatz ist es, mit Interessen zu argumentieren. So lassen sich ganz objektive Aussagen darüber treffen, warum die „Herstellung“ und damit auch der Konsum von Kuhmilch die Interessen von Tieren verletzt, oder dass Menschen nicht auf Kuhmilch angewiesen sind, weil es Alternativen wie Sojamilch gibt. Wenn du zum Beispiel sagst, Kühe leiden darunter, dass ihre Euter fast platzen weil so und soviele Liter Milch darin sind, dann ist das eine konkrete Aussage, die sich auch objektiv widerlegen lässt - und, solange nicht widerlegt wird, auch als objektiv wahr angesehen werden kann.

Übrigens sehe ich auch ein Argument, die Interessen anderer (schwächerer) Individuen zu berücksichtigen, ohne selbst direkt etwas zurück zu bekommen: ich sende damit ein Signal zur Überwindung der negativen Folgen von Gruppendenken. Allgemein denke ich, dass eine Gesellschaft, in der die Individuen gegenseitig aufeinander Rücksicht nehmen, lebenswerter ist als eine stets auf Wettbewerb und das Recht des Stärkeren ausgerichtete Gesellschaft.

Außerdem kommt dazu das viele Menschen sehr einfach gestrickt sind und gerade emotionale Bilder mehr Wirkung zeigen als alle Argumente.

Das sehe ich ja auch, weshalb ich nichts dagegen einzuwenden habe, Emotionen als Aufhänger anzusprechen. Nur wenn es dann zum Dialog kommt, dürfen moralische Urteile nicht als Ersatz tatsächlicher Argumente herhalten. „Der Konsum von Kuhmilch ist grausam“ ist kein Argument, sondern eine (moralisch bewertende) Schlussfolgerung aus Argumenten wie „Kühe leiden aufgrund der hohen Milchbelastung unter Knochenschwund“ oder „Kühe leiden aufgrund des häufigen Melkens unter Entzündungen am Euter“.

lg, Peppermint 2006-08-23 23:25


Teile der Diskussion verschoben auf Tiere und ihre Interessen. Peppermint 2006-09-08 00:19