Freeganismus

Freeganismus steht für die Idee, durch die Nutzung bereits ausrangierter Lebensmittel und Gebrauchsgegenstände den eigenen Konsum erheblich zu reduzieren. Damit versuchen Freeganer, sich letztlich dem Zwang zu entziehen, durch die eigene Nachfrage nach bestimmten Produkten interessen zu verletzen. Nicht nur auf Güter, sondern auch auf gewerbliche Dienstleistungen versuchen Freeganer so weit es geht zu verzichten. Dabei stehen gegenseitige Unterstützung und freie Vereinbarungen als Alternative zum Konsum.

Auf die Umstände der Produktion wird bei den bereits vom Verwertungsprozess ausgeschlossenen Gütern meist keine Rücksicht mehr genommen, da ihr Verbrauch kein neues Leid mehr verursacht. So ernähren sich normalerweise vegan lebende Freeganer auch mit nicht-veganen Lebensmitteln wie Käse oder Joghurt aus Containern.

Diskussion

Freeganismus scheint sich ja mit der Erkenntnis zu verbinden, dass nicht nur der Konsum tierlicher Produkte zumeist Interessen verletzt, was zu begrüßen ist. Sobald das Containern allerdings unter größeren Kreisen der Bevölkerung zur Norm wird, besteht die Gefahr, dass sich daraus ein Status Quo entwickelt: das Containern wird gesellschaftlich anerkannt, die kostenlose Weitergabe z. B. von abgelaufenen Lebensmitteln wird als Teil der sozialen Sicherung aufgefasst und empfohlen, womit dann die Senkung anderer Sozialausgaben gerechtfertigt wird. Spätestens ab diesem Moment verursachen auch Freeganer die Probleme wieder mit, die bei der gegenwärtigen Art der Produktion von Gütern besonders auftreten. Eine ähnliche Entwicklung kann man bei den so genannten Tafeln beobachten, und auch von Umsonstläden wurde solche Erfahrungen schon berichtet.

Als gesamtgesellschaftliches Konzept taugt das Containern nicht, weil nicht alle Menschen nur vom „Müll“ leben können, ohne selbst etwas zu produzieren. Von daher mag das Containern zwar eine praktische Aktionsform für die derzeitigen Verhältnisse sein, solange (ähnlich wie beim Auftragen alter Schuhe) die diskursive Aussage damit einhergeht, entsprechende Produkte nur deshalb zu konsumieren, weil ohne Gegenleistung kein neues Leid verursacht wird. Ein gesellschaftlicher Ausweg aus Lohndumping, Tiernutzung, Umweltzerstörung und Diskriminierung lässt sich dadurch jedoch nicht erreichen. Peppermint 2006-07-26 08:26


Natürlich können derzeit nicht alle aus Containern leben. Fakt ist aber auch, dass in unserer Gesellschaft längst nicht mehr alle arbeiten können. Das ergibt sich stark vereinfacht aus Industrialisierung und Globalisierung. Nun steht oben im Text ja auch nicht, das es das erklärte Ziel des Freeganers wäre, sich nur von der Müllhalde zu ernähren. Da steht auch noch der Satz: „Auf kommerzielle Dienstleistungen wird versucht, mittels gegenseitiger Unterstützung und freien Vereinbarungen, zu verzichten.“ Es wäre also, falls die Zahl der Freeganer wirklich mal so stark ansteigen sollte, dass die Container nicht mehr ausreichen, möglich, statt dessen in kleinen Gruppen mit lokalem Tauschhandel zu leben… na gut, diese Gesellschaftsformen sind auch schon wiederholt den Bach runter gegangen… Mist. Wo geht es denn dann hin, in der Zukunft? Mir persönlich fällt so spontan keine Gesellschaftform ein, die auf Dauer funktionieren kann. Vielleicht gibt es auch keine. Vielleicht müssen Gesellschaftformen sich grundsätzlich immer abwechseln. Oder aber wir erwarten einfach zu viel. Glück und Zufriedenheit für jeden gibt es ja auch im Tierreich nicht. Müssen wir natürliche Auslese akzeptieren?


Natürlich nicht! Zum einen ist darwinismus (das Überleben des Stärkeren) kein Gesetz, dem jedes individuum jederzeit unterliegt. Es gibt ja auch z. B. Beziehungen oder Freundeskreise, die von ruecksicht geprägt sind, nicht von Konkurrenz und Auslese. Beispiele für kooperation finden sich auch bei anderen spezies. Den Darwinismus konsequent gedacht, könnte man sogar die These aufstellen, die Fähigkeit zur gegenseitigen Rücksichtnahme und Kooperation wäre ein wichtiger Faktor des Überlebens einer Art (z. B. des Menschen). Die Frage ist, inwiefern Menschen überhaupt fähig und willens sind, auch außerhalb der eigenen Familie und Freunde Rücksicht auf andere (Individuen) zu nehmen…..

Aber um zum Freeganismus zurückzukommen: man braucht ja gar nicht den Anspruch stellen, dass Freeganismus zu einer neuen Gesellschaftsordnung führt. Die Frage war nur, ob (unabhängig vom System drumherum) es überhaupt möglich wäre, die Idee auf alle Menschen zu „skalieren“. Individuell gesehen besteht in der freeganen Lebensweise ja gerade der Vorteil, durch das Ablehnen von Konsum auch hier und jetzt schon weitgehend dem (ökonomischen) Verursachen von Gewalt entgehen zu können. Würden alle Menschen dies hier und jetzt tun wollen, würde das aber nicht mehr funktionieren, weil dann niemand mehr da wäre, der überhaupt noch eine ökonomische Nachfrage in den Supermärkten erzeugt - die Supermärkte wären leer. Freeganismus als gesamtgesellschaftliche Perspektive ist ohne einen grundlegenden Wandel des Lebens und Wirtschaftens in der Gesellschaft nicht möglich - er wäre nicht weniger auf weitergehende Veränderungen angewiesen, als z. B. eine vegan lebende Gesellschaft. Solange Freeganer das anerkennen, hab ich kein Problem damit ;)

lg,

peppermint 2007-04-03 21:38


Ich glaube voll und ganz an den Darwinismus, wobei ich ihn durchaus soweit denke, wie du es gerade beschrieben hast. Die Entwicklung von „Rücksichtnahme“ kann einer Species natürlich höhere Überlebenschance einbringen. Unter Umständen kann sie die Chance ebenso auch verschlechtern, das kommt wieder auf das Verhalten der jeweils anderen Species an, mit denen sie in Kontakt tritt.

Zum Konsum: Konsum ist sicherlich wirklich die zugrunde liegende Motivation für fast jegliche Gewalt, die von Lebewesen ausgeübt wird. Das Ablehnen von Konsum ist aber ein Ding der Unmöglichkeit. Konsum heißt ja nicht einfach „Einkaufen“. Auch wer atmet, isst, trinkt oder liebe macht, „konsumiert“. Von daher ist es egal, ob wir aus Containern leben oder auf der grünen Wiese unser Gemüse anbauen, wir alle konsumieren. Und wenn die Menge der „Produkte“ dabei nicht für alle ausreicht, dann besteht ein Gewaltpotential. Ich gebe dir von daher völlig Recht, solange es wenige Freeganer gibt, können sie die existierende Nische besetzen und damit ein sinnvoller Teil eines großen Ganzen sein. Sie würden die Welt aber nicht verbessern, wenn sie jeden von diesem Lebensstil überzeugen würden :)


:) also das „Liebe machen“ ist für mich eher ein Produzieren (nicht im ökonomischen Sinne) als Konsumieren, wenn es nicht gerade Mittel zum Zweck ist (gegen letzteres wiederum ist auch nichts einzuwenden, wenn die Beteiligten wirklich aus freiem Willen handeln). Ansonsten sehe ich Konsum auch allgemein als Verbrauch, egal ob bezahlt oder nicht. Daraus folgt im Übrigen ja auch, dass wir das rücksichtsvolle Produzieren und Konsumieren unabhängig von der Gesellschaftsform erlernen und soweit möglich praktizieren müssen, wenn wir Gewalt reduzieren wollen. Wenn bis hierhin Konsens besteht, können wir uns eigentlich einer neuen Diskussion widmen: statt darüber zu diskutieren, wie man die Ideen des Veganismus oder Freeganismus oder Tierrechtismus (wenn sie so allgemein existieren würden) möglichst originalgetreu umsetzt, wäre nach Möglichkeiten zu suchen, Bedürfnisse zu befriedigen, ohne die Interessen anderer Individuen (egal, welche Spezies) zu verletzen…… – peppermint 2007-04-04 11:17


Ok, ich verkneife mir mal eben schnell jeglichen weiteren Kommentar zum Thema „Liebe machen“. Oder war das jetzt schon einer? Egal. Das Gewalt-Thema ist schwer zu lösen, schätze ich. Ich versuche gerade, mein Hirn nach Lösungen zu durchforsten, aber besonders die Windungen machen mir Probleme. Nicht jegliches Konsumieren schafft Gewalt. Manchmal kann ich sehr begehrenswerte Speisen in Ruhe und ohne Gewaltandrohungen von außen verzehren. Gewalt entsteht also wohl nur aus Konkurrenzsituationen heraus. Scheint mir. Um jetzt herauszufinden, wie man global an der Gewaltverringerung arbeiten kann, müsste man also wohl präzise die Ursachen für Gewaltentstehung ermitteln. Ist Bildung ein Schlüssel? Geht ein höheres Maß an Bildung statistisch gesehen mit einem höheren Prozentsatz an Vegetariern und Veganern einher? Weiß ich leider nicht. Vielleicht. Du hast immer nette Links und Quellen, hast du dazu eine? Gleichzeitig schafft aber Bildung auch neue Konkurrenz. Nein, ich denke, ich muss noch eine Weile Gedanken ordnen.


Die Ursache für gewalt nennst du ja selbst schon: interessenkonflikte. Und der fehlende Wille, oder die fehlende Fähigkeit, diese ohne Gewalt zu lösen. Ich denke nicht, dass Bildung per se eine Lösung dazu ist. Bildung schafft das Potential (was an sich auch begrüßenswert ist), Dinge zu verändern. Viele tun das ohne Rücksicht auf die Interessen anderer. Davon abgesehen reproduziert die allgemeine Bildung oft binäres Denken, womit oft die Grenzen zwischen Rücksicht und Rücksichtslosigkeit erst aufgemacht werden. Vielen ist dieses Vorhandensein von (willkürlich geschaffenen) Kategorien gar nicht so bewusst, ebensowenig, wie die Zusammenhänge über interessen und gewalt, oder das Gewalt eben oft auch indirekt und strukturell vor sich geht. Aufklärung wäre da ein Ansatz. Nicht nur medial, sondern auch durch die eigene (diskursive) alltägliche Praxis, die versucht, ohne Gewalt auszukommen und bestehende Gewalt in der Gesellschaft sichtbar zu machen. – peppermint 2007-04-19 22:57


Wichtig wäre ja auch die Frage, was man unter Gewalt eigentlich versteht. Gehe ich davon aus, dass Sie Gewalt in einem über das übliche Phänomen, wie etwa tätliche Gewalt, hinausgehenden Begriff begreifen, so kommt man nicht umhin über Einwürfe wie „Reduzierung globaler Gewalt“ oder „Verhinderung von Gewalt durch Bildung“ zu stöhnen. Bewusstsein für Vegetarismus, Veganismus oder auch Freeganismus haben die Menschen doch erst aus der Gewalt heraus entwickelt. Ich argumentiere aus der Ebene heraus, dass beispielsweise Konsum Interessen verletzt, einen Konflikt hervorruft und somit auch die Wahrscheinlichkeit für Gewalt steigt. In einer Überflussgesellschaft, wie der Unsrigen konnten wir uns erst die Dekadenz des „Gut-Menschentum“, versöhnlicher ausgedrückt, der moralischen Reflektion erlauben. Ich sage, unser Leben ist geprägt von verschiedenen Aggressionen unterschiedlicher Härtegrade. Auf diese Art könnte ich auch das „Containern“ als eine gewisse Aggression begreifen, nämlich gegenüber den alltäglichen Konsumgewohnheiten. Der Härtegrad würde sich in dem Maße ändern, in welchem Maße Menschen anfingen Freeganer zu sein. Als Besetzung einer Nische recht praktikabel, als Anstoß weitergehender Diskussionen brauchbar, alles darüber Hinausgehende - romantisch. Abschließend möchte ich noch meine Anerkennung ausdrücken, für durchaus innovativen Idealismus - Müllwühlen- und verwertung plus moralisch aufgeladener Bedeutungszuwachs = neue Bewegung für Sinngebung. Das konnten sich doch nur wieder Leute ausdenken, die im Grunde immer schon mehr als genug hatten, denn Menschen, die vom Müll lebten, die gab es auch schon vorher, nur waren sie schon immer namenlos - wirklich köstliches Possenstück, doch nicht ohne Sinn, immerhin sprechen wir darüber. „Wahrheit ist Krieg!“ H.v.F.


Wichtig wäre ja auch die Frage, was man unter Gewalt eigentlich versteht. Gehe ich davon aus, dass Sie Gewalt in einem über das übliche Phänomen, wie etwa tätliche Gewalt, hinausgehenden Begriff begreifen, so kommt man nicht umhin über Einwürfe wie „Reduzierung globaler Gewalt“ oder „Verhinderung von Gewalt durch Bildung“ zu stöhnen.

Ja, Produzieren und Konsumieren in einer global vernetzten Welt verursacht vielfältige Formen von Gewalt (allgemein verstanden als Verletzen von Interessen) – aber selbst, wenn durch weltweit zunehmenden Konsum und zunehmende global wirkende Handlungen Gewalt auch global zunehmen muss (ein interessanter Gedanke!), gibt es doch individuelle wie auch strukturelle Möglichkeiten, die Folgen des eigenen Handelns unter dem Aspekt der Gewaltreduzieren abzuwägen.

Ich argumentiere aus der Ebene heraus, dass beispielsweise Konsum Interessen verletzt, einen Konflikt hervorruft und somit auch die Wahrscheinlichkeit für Gewalt steigt.

Nach dem Verursachungsprinzip ist es in dem Fall die ökonomische Nachfrage, die Interessen verletzt. Freeganismus, Schenken, Leihen, Teilen, Reparieren, Recycling und Verzicht auf subjektiv unnötige Dinge sind Ansätze, die eigenen Interessen zu befriedigen, ohne dabei eine Nachfrage im ökonomischen Sinne zu verursachen. Rücksichtsvollerers Produzieren und Konsumieren (im engen Sinne) machen den anderen Ansatz aus.

In einer Überflussgesellschaft, wie der Unsrigen konnten wir uns erst die Dekadenz des „Gut-Menschentum“, versöhnlicher ausgedrückt, der moralischen Reflektion erlauben.

Leute, die sich selbst als vermeintlich ethisch überlegener „Gutmensch“ betrachten oder so verhalten lassen sich wohl bei jedem Standpunkt oder -ismus finden - das ist unangenehm, ändert aber nichts an der Richtigkeit (oder dem Irrtum) der jeweils vertretenen Argumente. Ich persönlich kann nur zustimmen, dass einem ums nackte Überleben kämpfenden Menschen eine gegebenenfalls geringere Rücksicht auf die Interessen anderer nicht übel zu nehmen sein kann. Die Entscheidung, wieviel Rücksichtnahme man sich leisten kann, ist in letzter Instanz (wenn auch strukturell beeinflusst) eine individuelle, wenngleich ich behaupten würde, dass ein Großteil der Menschen westlicher Gesellschaften wesentlich mehr Spielraum bezüglich der Rücksichtnahme auf „andere“ haben, als sie sich zugestehen.

Allerdings denke ich nicht, dass moralische Reflexionen dekadent sind. Gerade weil Interessenkonflikte zunehmen und global wirken, müssen wir uns Gedanken darüber machen. Die Erfahrung zeigt, dass Gewalt neue Gewalt erzeugt, die irgendwann auf uns selbst zurückfallen kann.

Auf diese Art könnte ich auch das „Containern“ als eine gewisse Aggression begreifen, nämlich gegenüber den alltäglichen Konsumgewohnheiten.

Das erscheint mir arg konstruiert, das Verbrauchen von „Müll“ hat ja keinen Einfluss auf die Leute, die so wie bisher ihr Zeug regulär im Supermarkt an der Kasse erwerben. Aber klar, generell können auch neue, rücksichtsvollere Verhaltensweisen ihrerseits neue (und hoffentlich weniger intensive) Interessenverletzungen mit sich bringen, da stimme ich voll zu. Gerade das ist doch der Grund dafür, sich nicht mit den bestehenden Strukturen und Lösungen des Miteinanders zufrieden zu geben, sondern immer wieder Kritik zu üben udn weiter nach Verbesserungen zu suchen.

Der Härtegrad würde sich in dem Maße ändern, in welchem Maße Menschen anfingen Freeganer zu sein.

Was wiederum ab einem bestimmten Punkt nicht mehr funktioniert: wenn alle containern und niemand mehr ökonomische Nachfrage verursacht, käme die Produktion zum erliegen - es wäre gar nichts mehr da, was containert werden könnte. Deshalb sehe ich Freeganismus nicht als (gesamt)gesellschaftliche Perspektive, und da würden die meisten Freeganer meiner Erfahrung nach auch gar nicht widersprechen.

Als Besetzung einer Nische recht praktikabel, als Anstoß weitergehender Diskussionen brauchbar, alles darüber Hinausgehende - romantisch.

Mir ist Freeganismus immer noch sympatischer, als das direkte Verursachen speziesistischer Gewalt.

Abschließend möchte ich noch meine Anerkennung ausdrücken, für durchaus innovativen Idealismus - Müllwühlen- und verwertung plus moralisch aufgeladener Bedeutungszuwachs = neue Bewegung für Sinngebung.

Entscheidend ist, ob neue Ansätze Interessen besser berücksichtigen, nicht dass sie innovativ sind. Es soll auch schon Entwicklungen gegeben haben, die seinerzeit zwar neu waren, die Situation für viele Individuen aber verschlechtert haben. Ansonsten, ja, gibt es sicher einige Leute die sich über die Identifikation mit -ismen gleich welcher Art einen Sinn zu geben versuchen, was allerdings an den Argumenten dafür oder dagegen wiederum nichts ändert.

lg,

Peppermint 2007-09-15 19:32

<Allerdings denke ich nicht, dass moralische Reflexionen dekadent sind. Gerade weil Interessenkonflikte zunehmen und global wirken, müssen wir uns Gedanken darüber machen. Die Erfahrung zeigt, dass Gewalt neue Gewalt erzeugt, die irgendwann auf uns selbst zurückfallen kann.>

Moralische Reflektion kann nur dekadent sein, allerdings wohl immer aus der Sicht desjenigen, welcher sich Moral in diesem Sinne nicht leisten kann oder nicht leisten will. Schließlich beschäftigt sich mit diesen Gedanken eine Minderheit der Menschheit. Das sind nämlich wir.

<Mir ist Freeganismus immer noch sympatischer, als das direkte Verursachen speziesistischer Gewalt.>

Es geht ja dabei nicht um Sympathie, sympathisch sind mir diese Ideen und Aktionen natürlich auch. Ihre Erwiderung deutet indirekt an, dass mir persönlich was an Gewalt und deren Potenzial läge. Gewalt vermeiden, oder besser Aggression vermeiden kann man zunächst in seiner alltäglichen Welt, die eben überschaubarer ist. Da stimme ich zu. Gewalt in einem darüber hinausgehenden Rahmen zu vermeiden („global“ z.B.) deutet für mich schon wieder einen Anspruch an, der nicht realistisch ist. Die Komplexität der sozialen Weltgesellschaft straft schon allein den idealen Gedanken daran ab und doch orientieren wir uns an Idealen. Etwas zum Glauben braucht der Mensch.

<Entscheidend ist, ob neue Ansätze Interessen besser berücksichtigen, nicht dass sie innovativ sind. Es soll auch schon Entwicklungen gegeben haben, die seinerzeit zwar neu waren, die Situation für viele Individuen aber verschlechtert haben. Ansonsten, ja, gibt es sicher einige Leute die sich über die Identifikation mit -ismen gleich welcher Art einen Sinn zu geben versuchen, was allerdings an den Argumenten dafür oder dagegen wiederum nichts ändert.>

Als Innovation begreife ich nur die Bedeutungszuweisung, nicht die eigentliche Aktion. Des Weiteren wäre ich vorsichtiger an der Stelle, ob jemand sich mit etwas identifiziert und sich einen Sinn dadurch zuschreibt. Das ändert sehr wohl etwas an der Qualität der Argumente, vor allem auch wann und wie sie benutzt werden. Ich glaube nicht an die unbedingte Sachlichkeit eines Arguments. Auch Argumente muss man glauben.

Danke für ihren Beitrag. Mit den restlichen Punkten stimme ich soweit überein.

Deus My Ops


Die Komplexität ließe sich durch neue Technologien (à la „Google Balances“ ,) und die Vernachlässigung von Problemen „geringerer Intensität“ vielleicht in Zukunft besser handhaben - und die ungleich größere Hürde der im jeweiligen Moment „unüberwindbaren Interessenkonflikte“ offenlegen. Grundsätzlich lassen sich Interessenkonflikte durch Kompromisse lösen, durch Zugeständnisse (besser: Verstehen der Interessen anderer Individuen als Teil der eigenen Interessen) derjenigen, die es sich leisten können. Was ist aber beispielsweise mit dem siebenjährigem Mädchen, das an einer Straßenkreuzung den ganzen Tag lang selbstgebastelte Puppen verkauft, um die eigene Familie über die Runden zu bringen? Ein paar Rupies dafür auszugeben verletzt keinerlei Interessen eines gut situierten westlichen Touristen, aber es trägt dazu bei, dass das Mädchen eben jeden Tag an der Kreuzung steht, statt in die Schule zu gehen und sich Perspektiven für die Zukunft aufzubauen. Keine Rupies zu geben wiederum ignoriert die Not der Familie, die man ja ohne weiteres ein wenig lindern könnte. Wie lässt sich so ein Dilemma auflösen? Meiner Meinung nach nur durch strukturelle Veränderungen. Und das setzt voraus, überhaupt erst einmal strukturelle Gewalt zu erkennen und darüber aufzuklären. Das macht es noch viel schwerer, Gewalt auch über das persönliche Umfeld hinaus zu reduzieren. Doch auch wenn das Aufspüren von Konflikten, Ursachen und Kompromissen äußerst schwierig ist (und unterstützender Plattformen bedarf, und dessen Ergebnisse, da stimme ich Ihrem „Glauben an die Argumente“ zu, immer wieder selbstkritisch infrage zu stellen sind), bleibt es die einzige Alternative zur Hinnahme alltäglicher Gewalt. – Peppermint 2007-09-19 15:06