Ethisches Dilemma: „Haustiere“ und Pathozentrik

Ein Dilemma liegt dann vor, wenn jede aller möglichen Entscheidungen in einer bestimmten Situation nur zu einem schlechten Ergebnis führen kann. Ein ethisches Dilemma bezeichnet einen Konflikt, bei dem jemand, was gleich er auch tut, gegen seine eigenen ethischen Prinzipien verstoßen muss.

Ein solcher Fall besteht, wenn jemand ein pathozentrisches Weltbild vertritt und mit einer Katze zusammenlebt, welche sich nicht selbständig z. B. durch Jagd von Mäusen ausreichend ernähren kann — und pflanzliche Nahrung ablehnt. Der Vertreter der pathozentrischen Ethik stünde hier vor folgenden Optionen:

a) Die Katze mit omnivorer Katzennahrung ernähren. b) Die Katze gar nicht ernähren. c) Der Katze ausschließlich vegane Nahrung anbieten. d) Eine Zeitmaschine nutzen um dem Dilemma zu entkommen.

Die erste Wahl käme nicht infrage, weil dafür in der gegenwärtigen Tierverarbeitungsindustrie unter anderem unzählige Rinder und Schweine leiden müssten. Der zweite Fall würde das Ende der Katze bedeuten, oder das Problem nur an neue (vermutlich weniger pathozentrisch eingestellte) Betreuer verschieben. Vielleicht würde es auch gar nicht funktionieren, weil die Katze immer von selbst wieder zur ihren früheren Betreuern zurückkommt.

Die dritte Variante bedeutet Qual und Leid für eine Katze, falls sie zu der Aufnahme rein pflanzlicher Nahrung nicht bereit ist, weil sie zum Beispiel ihr Leben lang an nicht-pflanzliche Nahrung gewohnt war. Natürlich kann es auch anders verlaufen: gesetzt den Fall, die Katze würde die vegane Nahrung ohne Einwirkung von Gewalt akzeptieren und mögliche Mängel könnten durch vegane Nahrungsergänzungsmittel ausgeglichen werden, wäre das Problem gelöst. Weigert sie sich jedoch zumindest übergangsweise oder können Mangelerscheinungen nicht ausgeschlossen werden, so liegt weiterhin ein ethisches Dilemma vor.

Würde der Entscheidungsträger nicht nur ein pathozentrisches Weltbild, sondern auch eine utilitaristische Ethik befürworten, könnte die vegane Ernährung der Katze unter bewusster Inkaufnahme aller negativen Auswirkungen gegenüber dem (ungleich höheren oder eine größere Anzahl an Individuen betreffenden) Leid der für eine omnivore Katzennahrung notwendigen Rinder und Schweine vorgezogen werden. Der Protagonist würde dann das Allgemeinwohl über das Individualwohl stellen und Leid gegeneinander aufrechnen — eine Auffassung, welche wie die Geschichte zeigt nicht nur das Überhören hungrigen Katzenjammerns, sondern auch schon die Ermordung von Menschen legitimierte, welche sich aufgrund körperlicher Besonderheiten nicht allein versorgen konnten. Lehnt der Protagonist eine solche utilitaristische Entscheidungsfindung ab, steht er weiterhin vor einem ethischen Dilemma.

Der einzige mögliche Ausweg bestünde darin, sich mithilfe einer Zeitmaschine in die Vergangenheit bis vor den Punkt zurückzuversetzen, an dem der Betroffene über die Aufnahme der Katze in seine Obhut entschieden hat. Dann könnte er (mit dem Wissen über das wahrscheinliche ethische Dilemma) die Aufnahme verweigern und würde sich nicht in den Konflikt begeben, aktiv gegen existenzielle Interessen anderer Individuen zu verstoßen.

Sicher, auch diese Entscheidung wäre aus pathozentrischer Sicht keine glückliche. Irgendetwas muss mit den obdachlosen oder in überfüllten Tierheimen lebenden Hunden und Katzen geschehen. Nur - wer trägt die Verantwortung für ihre Existenzen? Welchen ethischen Unterschied macht es, ob man die Aufnahme einer Katze verweigert oder die Gelegenheit ausschlägt, in einem Kriegsgebiet als humanitärer Helfer zu agieren? Beides könnte Individuen das Leben retten, beides wäre möglich. Warum jedoch tun die meisten dies von uns nicht, opfern sich nicht auf für alle möglichen Dinge, bei denen sie einschreiten und Leid verhindern könnten? Weil unsere Möglichkeiten dazu begrenzt sind, wir nicht überall und zu jeder Zeit präsent sein können. Und wenn also wir ohnehin selektieren und Grenzen setzen müssen, ist es dann nicht völlig akzeptabel sich zumindest auf diejenigen Fälle zu verlegen, bei denen wir nicht gegen unsere eigenen ethischen Anschauungen verstoßen müssen? Möglichkeiten, anderen Individuen — auch in lebensbedohlichen Situationen — zu helfen gibt es nahezu unbegrenzt.

Und, um von der Ethik einmal in die Politik zu wechseln, auch dies wäre zu bedenken: der moderne Krieg könnte ohne die zahlreichen humanitären Helfer genauso wenig funktionieren wie die Haustierwirtschaft ohne gutwillige Tierschützer — zumindest in den bestehenden Ausmaßen — funktionieren würde. Die einen ermöglichen erst das kriegerische Operieren in besiedelten Gebieten, liefern die notwendige Logistik für das Manövrieren mit Menschenmassen ohne allzu große — medienuntaugliche — „Kollateralschäden“. Die anderen sorgen dafür, den sorglosen Konsum von „Haustieren“ aufrechtzuerhalten, indem sie sich um die Opfer kümmern, dem hoffnungslosen Kollaps der überfüllten Tierheime duch die Aufnahme einiger Tiere entgegenwirken, ebenso wie dem unkontrollierten Ausbreiten von Hunden und Katzen in den Städten oder möglichen unpopulären, moralisch angreifbaren Maßnahmen dagegen. Beide unterstützen durch ihr Handeln gerade das, wogegen sie sich eigentlich engagieren wollen. Wirklich wirksame Hebel dagegen indes wären schon viel früher und an ganz anderer Stelle anzusetzen. Natürlich kann man argumentieren, der Krieg oder die Hunde und Katzen wären nun einmal schon da. Dies wäre aber in etwa so, als würde man einem Zirkus etwas spenden, damit die von ihm gefangengehaltenen Lamas und Löwen gut durch den Winter kämen. Auch diese sind „da“ und haben wohlmöglich wirklich Hunger und andere Probleme, trotzdem würde wohl kaum ein Veganer auf die Idee kommen, dafür auch noch dem Zirkus finanziell unter die Arme zu greifen.


Rubriken: Ethik und Tierschutz

Noch eine persönliche Ergänzung dazu: sicherlich ist Variante d) nur ein Abstraktum, eine langfristige Perspektive allenfalls, ausgerichtet auf die Zukunft anstatt auf die Vergangenheit, oder eine für diejenigen, die keine Hunde und Katzen bei sich haben und dennoch einer pathozentrischen Auffassung nicht abgeneigt sind. Ich möchte nicht in einer solchen Situation stecken, bei der nur a), b) und c) zur Auswahl stehen. Es soll auch gar nicht in Abrede gestellt werden, dass zum Beispiel vegane Katzennahrung nicht synthetisch so herstellbar wäre, dass sie den Bedürfnissen von Katzen gerecht werden. Wäre. Momentan sieht es doch aber offenbar nicht danach aus, sonst würde es doch keine Akzeptanzprobleme bei den Katzen geben. Ich weiß nicht, wie die Betroffenen diesen Artikel auffassen. Hoffentlich nicht als Provokation, denn als solche ist er nicht gedacht. Der Gedanke, mich in einem solchen Dilemma wiederzufinden, erfüllt mich mit tiefer Melancholie und Ohnmacht. I'm sorry. Und ich lasse mich gern eines besseren überzeugen, was die Akzeptanz und die Qualität der Nahrung angeht, auch wenn es dennoch Tierschutz bleibt, die Opfer zu versorgen statt zu verhindern, dass sie zu Opfern werden.