Den Menschen und Tiere als gleichgestellte Individuen bzw. Träger von Grundrechten heißt ja nicht, die Unterschiede zwischen verschiedenen Tieren oder zwischen Tieren und Menschen, die es z. B. hinsichtlich ihres sozialen Verhaltens, ihrer Fähigkeit zu Denken oder sich zu Erinnern oder Liebe und Hass zu fühlen, gibt. Aber impliziert der Begriff „nichtmenschliche Tiere“ nicht gerade, alle Tiere und Menschen seien in jeder Hinsicht gleich? Würde der Ausdruck sich nur auf die Grundrechte beziehen, könnte ich gut damit leben. Da aber die Reduzierung der Gleichsetzung auf die Grundrechte meist bei der Verwendung nicht kommuniziert wird (oder, für Außenstehende nicht nachvollziehbar, lediglich als gegeben vorausgesetzt wird), stellt er für mich eine Verallgemeinerung dar, welcher dem entgegensteht, was uns Menschen (im positiven wie im negativen Sinne) von den meisten Tieren abgrenzt.
Nun gibt es auch Tiere, die ihrerseits Fähigkeiten haben, welche sie von allen anderen Tieren abgrenzen, und das wird ja auch nicht als Verallgemeinerung des Begriffs „Tiere“ kritisiert. Der Grund dafür ist sicherlich die biologische Zuordnung. Wenn der Mensch jedoch, selbst zugehörig zu den Säugetieren, nur aus biologischen Gründen den Tieren auch im allgemeinen Sprachgebrauch zugeordnet wird, halte ich den Begriff „nichtmenschliche Tiere“ trotz des moralischen Hintergrundes für zu biologistisch. Die Unterscheidung von Menschen, Tieren, Pflanzen ist eine hauptsächlich biologische, die Unterscheidung zwischen Menschen, Maulwürfen und Ringelblumen kann dagegen an den jeweiligen Eigenschaften nach beliebigen Kriterien erfolgen, also zum Beispiel auch nach sozialen Aspekten.
Ausgehend vom Antispeziesismus würde ich statt des Begriffes „nichtmenschliche Tiere“ den Ausdruck „andere Lebewesen“ vorschlagen. Diese Kategorisierung ist so allgemein, dass sie nur durch ein biologisches Kriterium, das Leben, festgelegt, und somit frei von Willkür, offen für eine rein ethische Argumentation ist. Zudem schließt sie nicht, wie bei der Verwendung der Dichotomie „menschliche“ und „nichtmenschliche Tiere“, Pflanzen und andere Lebewesen aus. Dieses unterschwellige Ausschließen weiterer Lebewesen resultiert sicherlich aus der (berechtigten) Auffassung, dass (abgesehen vom Menschen selbst) die Interessen von Tieren in unserer Gesellschaft am heftigsten verletzt werden, weshalb es wohl „Tierrechtler“ gibt und keine „Pflanzenrechtler“ oder „Lebensrechtler“ (bzw. letztere nur einseitig auf Abtreibungsgegner bezogen). Eine antispeziesistische Argumentation darf jedoch auch diese nicht ausschließen - wir sollten die Interessen aller Lebewesen anerkennen, wohlwissend, dass diese Interessen sehr unterschiedlich ausfallen, und dass allein die Feststellung dieser Interessen schon Schwierigkeiten bedeuten kann.
Biologische Merkmale sind nun aber nun mal das einzige, was Arten ganz klar voneinander unterscheidet. Drum sind Bezeichnungen wie „nichtmenschliche Tiere“ (wobei ich „andere Tiere“ bevorzuge sofern der Sinn dadurch nicht verfälscht wird oder ich mißverstanden werden könnte; klingt nicht so „künstlich“). – schrieb veganwitch auf Anthropozentrik
Das sehe ich nicht so. Du kannst Lebewesen ebenso nach „biologischen“ Merkmalen (Gattung, Art der Fortpflanzung etc.) klassifizieren, wie auch z. B. nach sozialem Verhalten (Einzelgänger vs. Zusammenleben, Arbeitsteilung, Hierarchien etc.), dem Bewusstsein (woraus Peter Singer die Bezeichnungen „Personen“ und „Nicht-Personen“ ableitete), der Fähigkeit zu Lernen oder anderen Kriterien. Während sogenannte „biologische“ Merkmale durch materielle Vorgaben des Körpers, wie Gene und Hormone, aber auch der Umwelt, wie Strahlenbelastung oder Ernährungsmöglichkeiten festgelegt werden, entwickeln sich die anderen Eigenschaften (der Einfachheit halber im folgenden als „soziale Ebene“ bezeichnet) in Abhängigkeit von der „sozialen“ Umgebung und den Erfahrungen. Wenngleich der individuellen Entwicklung „biologische“ Grenzen gesetzt sind, haben die meisten Lebewesen erstaunliche Fähigkeiten, sich veränderten Bedingungen relativ kurzfristig anzupassen. Nicht zu Vergessen sind aber auch naturwissenschaftskritische Ansätze bei der Klassifizierung von Lebewesen. So ist das menschliche Gehirn ein selektiver Wahrnehmungsapparat, der durch kulturelle Prägungen und Erwartungen beschränkt ist. Bereits die Einteilung in Gruppen von Tieren bei Forschungsprojekten, um daraus wissenschaftliche, „objektive“ Ergebnisse über die jeweilige Gruppe zu erhalten, ist dadurch in sich beschränkt, da Gemeinsamkeiten bzw. Unterschiede schon vorher angenommen werden, die dann zur Konstruktion des jeweiligen Forschungsgegenstands führen. Nicht zu vergessen der symbolische Gehalt der Mensch-Tier-Dichotomie, die als binäre Opposition an Kultur/Natur anschließt und eng verknüpft ist mit Mann/Frau, „weiß“/„schwarz“, aber auch sex/gender. Dabei hat die Zuweisung zur „nicht-menschlichen“ Gruppe immer auch eine moralische (meist abwertende) Auswirkung, die durch ihre „Naturalisierung“ einen scheinbar unveränderlichen Charakter erhält.(Vgl. dazu Anne Fausto-Sterling, Donna Haraway: unter anderem „Primatologie ist Politik mit anderen Mitteln“, Sigrid Schmitz: unter anderem „entweder-oder?“)
Der Begriff „Mensch“ wird daher von verschiedenen Ebenen durchdrungen. Biologisch gesehen wäre es korrekt, von „Menschen“ und „anderen (Säuge-)Tieren“ zu sprechen. Problematisch daran ist allerdings, dass der Begriff „Mensch“ im normalen Sprachgebrauch eben auch oder gar hauptsächlich auf der sozialen Ebene verwendet und verstanden wird. Beim Vergleich mit den „anderen Tieren“ müsste also jedesmal deutlich gemacht werden, dass allein die biologische Ebene des Begriffs gemeint ist. In Abgrenzung dazu könnte mit „der Mensch und andere Individuen“ die soziale Ebene hervorgehoben werden. Erfolgt die Abgrenzung der Sprache von der nicht-biologischen Ebene nicht deutlich, werden beide Ebenen vermischt. Die Folge ist, dass in Texten von Tierrechtlern der nicht näher spezifizierte „Mensch“ von den Lesenden immer nur als Lebewesen aufgefasst werden kann, welches mehr oder minder durch seine biologischen Eigenschaften determiniert ist.
Die Begriffe „menschliche Tiere“ und „nichtmenschliche Tiere“ halte ich für gänzlich unpräzise, da sie zwar auf der biologischen Ebene argumentieren (Menschen sind Säugetiere), diese jedoch immer mit einer sozialen Ebene, dem „Menschlichsein“, vermengen. Treffender dafür wäre eine Unterscheidung z. B. in „soziale“ und „nicht-soziale“ Lebewesen, woraus deutlich wird, dass der diffuse Begriff „(nicht)menschlich“ die zweite Ebene nur unzureichend charakterisiert. Das ist nicht nur taktisch unklug, weil zur sprachlichen Bewusstwerdung speziesistischen Denkens doch wieder nur eine Dichotomie zwischen Mensch und Tier aufgemacht wird, sondern in gewisser Weise auch selbst speziesistisch: warum gibt es dann keine Begriffe wie „pferdliche“ und „nichtpferdliche Tiere“, „regenwürmliche“ und „nichtregenwürmliche Tiere“ oder „enteliche“ und „nichtenteliche Tiere“? Die Ausdrucksweise reduziert die besonderen Merkmale des Menschen auf ein lediglich subtil eingeschobenes „Menschlichsein“, statt klar zwischen den Ebenen (biologisch vs. sozial vs. …) zu unterscheiden, und die jeweiligen Merkmale dort deutlich zu benennen.
Versuchen wir, die Abgrenzung von biologischer und sozialer Ebene mithilfe einer Analogie deutlicher zu machen: dem Begriff „Geschlecht“. Im biologischen Sinne werden darunter die körperlichen Merkmale verstanden, nach denen in den meisten Fällen eindeutig zwischen Mann und Frau zu unterscheiden ist.1) Die sozialen Geschlechterrollen, die anzustrebenden Idealbilder und hinzunehmenden Schicksale von Mann und Frau hingegen, werden im Laufe des Lebens erst erlernt und durch die Gesellschaft vermittelt.2) Vielleicht ist es kein Zufall, dass sich im Französischen die Begriffe „Sexe“ und „Genre“ dafür herausbildeten, oder im Englischen die Begriffe „Sex“ und „Gender“, während im Deutschen nur der überlagerte Begriff „Geschlecht“ zur Verfügung steht.
Ebenso können Lebewesen z. B. in Mensch, Katze, Rind, Hirsch und Fruchtfliege eingeteilt werden, aber auch in „Mensch“, „Haustier“, „Nutztier“, „Wild“ und „Ungeziefer“. Wie beim Geschlecht stehen sich hier die offensichtlichen biologischen Kategorien den konstruierten sozialen Klassen gegenüber.
Seit den 1990er gewinnt allerdings der Diskurs um die Auflösung der Sex/Gender-Trennung immer mehr an Bedeutung. Während er in den universitären Geschlechterstudien bereits etabliert ist, findet er immer mehr seinen Weg auch in populärwissenschaftliche Medien und Ansätze. Dabei wird „sex“ als bereits durch unsere kulturelle Brille konstruierte Abgrenzung zu „gender“ verstanden, was bnedeutet, dass „sex“ schon immer „gender“ gewesen ist. So analysierte z.B. Thomas Lacqueur die Geschichte der Entwicklung der geschlechtlichen Körper vom mittelalterlichen „Ein-Körper-Modell“ bis zum heutigen „Zwei-Körper-Modell“, als Ergebnis der Manifestation der Geschlechtergrenzen nach der Säkularisierung. Judith Butler nähert sich dagegen dem „Geschlecht“ auf sprachlicher und diskursanalytischer Ebene, wobei sie in „Unbehagen der Geschlechter“ die Trennung in „sex“ und „gender“ nicht nur infragestellt, sondern „sex“ als sprachliches Konstrukt zur Legitimierung von „gender“ entlarvt. Analog dazu könnten dann auch die Grenzen der Mensch/Tiereinteilung - auch auf „biologischer“ Ebene - als kulturelles Konstrukt zur Herrschaftslegitimierung verstanden werden.
Mit Gleichstellung der biologischen Kategorien „Mensch“ und „Tier“ wird versucht, die sozialen Konstrukte „Mensch“ und „Tier“ als hinfällig wegzudefinieren. Übersehen wird dabei, dass die biologischen Merkmale ohnehin nur als Vorwand für die Aufrechterhaltung dieser Konstrukte dienen. Die Berufung auf biologische Unterschiede oder Gemeinsamkeiten jedoch birgt gleichermaßen die Gefahr von Willkür und Missbrauch. Wie willkürlich soziale Konstrukte sind, zeigt sich am Beispiel von Hunden und Rindern. Deren biologische Zugehörigkeit ist auf allen Kontinenten unveränderlich, dennoch gilt es in manchen Regionen als normal, Hunde zu essen oder Rinder als heilige Lebewesen zu verehren — bei uns zu Hause unvorstellbar. Dem Biologist bleibt an dieser Stelle wohl nichts anders übrig, als die Schuld den („Un-“)Menschen in die Schuhe zu schieben, welche soetwas machen, doch erkennt selbst er unterschwellig dabei an, dass die sozialen Rollen verschiedener Tiere erst durch den Menschen geschaffen worden sind. Dass selbst die biologische Einteilung der Oberbegriffe „Menschen“ und „Tiere“ zweifelhaft sein kann, zeigt das Beispiel der Menschenaffen beziehungsweise der evolutionären Vorfahren des modernen Homo Spapiens. So lassen sich auch immer wieder neue Merkmale (vermeintlich oder tatsächlich biologischer Natur) finden, welche die Gattung Mensch von den Tieren hervorhebt. Auch wird nicht ersichtlich, warum die Gruppe der Tiere (einschließlich der Gattung Mensch) gleich, Menschen und Pflanzen jedoch unterschiedlich behandelt werden sollten.
Erst der gänzliche Verzicht auf biologische Argumentationen verdeutlicht den Weg zur Aufhebung von Hierarchien wie „Mann“ und „Frau“, „Schwarze“ und „Weiße“, „Inländer“ und „Ausländer“, „Gläubige“ und „Nichtgläubige“, „Ossis“ und „Wessis“, „Nord“ und „Süd“, „Behindert“ und „Nichtbehindert“, „Mensch“ und „Haustier“ und „Nutztier“ und „Wild“ oder „Ungeziefer“: die gegenseitige Wahrung von Rechten und Interessen nicht aufgrund der Zugehörigkeit zur gleichen Kategorie, sondern allein aus Respekt gegenüber dem individuellen Leben.
Für einen präziseren, die Ungleichheit nicht manifestierenden Sprachgebrauch, könnte folgende Regelung getroffen werden: geht es allein um biologische Merkmale, werden die Arten einfach konkret benannt, oder die Begriffe „die Gattung Mensch und andere Tiere“ oder besser „Tiere einschließlich (der Gattung) des Menschen“ verwendet.
Geht es um die sozialen Konstrukte, so könnten diese in Anführungszeichen gesetzt werden, z. B. „Haustiere“ und „Nutztiere“, oder sie werden gar nicht mehr verwendet. Um die sozialen Konstrukte gänzlich in Frage zu stellen, bietet sich als Zusammenfassung (für beide Ebenen) der Begriff „Lebewesen“ an, oder als Abgrenzung z. B. „der Mensch und andere Lebewesen“.
Dieser beruft sich als einziges Kriterium auf das Leben selbst, und kann somit sowohl im allgemeinen biologischen Sinne als auch im ethisch-philosophischen oder sozialen Sinne verwendet werden. Zudem schafft er keine künstliche Abgrenzung beim Engagement für die Rechte der Tiere einschließlich des Menschen gegenüber Pflanzen und weiteren Lebewesen.
Danke für die Sex/Gender-Ergänzungen im Abschnitt „Analogie Geschlecht“!
begriffe speziesismus tierrechte