„Tiere haben kein Bewusstsein!“ — Zum Begriff des Bewusstseins

Manche Menschen beharren auf dem Standpunkt, andere Tiere verfügten über kein Bewusstsein. Sprechen wir diese Menschen darauf an, was überhaupt unter Bewusstsein zu verstehen sei, ernten wir oftmals nur Schulterzucken. Ein weiteres Zeugnis dafür, wie willkürlich viele Menschen bestimmte Charakteristika anderen Tieren absprechen, um unsere Gewaltherrschaft über sie zu rechtfertigen. Dennoch möchten wir nun untersuchen, ob auch andere Tiere außer dem Menschen über ein Bewusstsein verfügen; weiterhin soll die Frage geklärt werden, ob das Vorhandensein bzw. Nichtvorhandensein eines Bewusstseins überhaupt als Grundlage dafür dienen darf, ein Lebewesen aus unseren moralischen Berücksichtigungen teilweise oder gänzlich auszuschließen.

Wenden wir uns nun der Frage zu, wie sich der abstrakte Begriff des Bewusstseins überhaupt definieren lässt: Obschon keine anerkannte präzise Definition von Bewusstsein existiert, so besteht doch unter den meisten Philosophen Konsens darüber, dass Bewusstsein die Fähigkeit beschreibt, zu erleben und sich selbst in Beziehung zu seiner Umwelt zu betrachten. Sprechen wir von einem selbst gerichteten Bewusstsein, so verstehen wir darunter die Selbsterkenntnis über unsere eigene Position in der Welt.

Wie es scheint, müssen wir zwischen verschieden Geraden von Bewusstsein differenzieren. Zum einen der bewussten Wahrnehmung unserer Umwelt und zum anderen der Reflexion unseres Seins in Wechselwirkung zu unserer Umwelt. Beschränken wir uns zunächst auf die bewusste Wahrnehmung: Diese Form des Bewusstseins beschreibt die Fähigkeit real existierende Entitäten unserer Umwelt zu erkennen und sie in unser Denkgefüge einzuordnen. Zur Veranschaulichung: Jeder von uns wird eine Vorstellung von einem Baum haben und ihn als solchen erkennen, wenn er einen Baum sieht. Doch vorher wissen wir, was ein Baum ist? Als Menschen zum ersten Mal eine Pflanze mit hölzernem Stamm erblickten, benannten sie diese als Baum. Benennen ist ein Akt des Erkennens und Verstehens — eine Leistung des wahrnehmenden Bewusstseins. Verfügen Tiere über diese Form des Bewusstseins? Die meisten Tiere ganz offensichtlich: So erkennen alle Tiere die für sie genießbare Nahrung, erkennen so genannte Fressfeinde und finden sich in ihrer Umwelt zurecht.

Kritiker mögen nun zu Bedenken geben, das dieses Verhalten nicht bewussten, sondern instinktiven Ursprung hat. Das mag sein, denn der Beweis ist scher zu erbringen, ob die genannten Verhaltensmuter bewusst oder instinktiv erfolgen. Unzweifelhaft bewusst und keineswegs instinktiv hingegen, erkennen viele Tiere vertraute Artgenossen — eine Tatsache, die sich über einen Instinkt nicht erklären lässt. Weiterhin offenbart uns der traurige Umstand, dass wir derzeit noch Tiere versklaven eines: Sie finden sich in einer ihrem natürlichen Lebensraum fremden Umgebung zurecht! So lässt sich bei vielen Kühen, die eingepfercht in einem Stall einen LKW nahen hören oder sehen Aufregung beobachten. Ihre Aufregung ist berechtigt, haben doch einige unter ihnen schon miterlebt, wie ihre Artgenossen in ein solches Blechungetüm verladen wurden und nie zurückkehrten. Das beschrieben Verhalten der Kühe zeugt von einem bewussten Wahrnehmen ihrer Umwelt: Sie erkennen den LKW — wenngleich sie ihn sicherlich anders bezeichnen würden — und assoziieren mit ihm Erlebnisse und Verfahrungen. Wenn dies nicht die wahrnehmende Stufe des Bewusstseins ist, was ist es dann? Es steht fest: Viele Tiere verfügen über ein wahrnehmendes Bewusstsein!

Wir erinnern uns: Eingangs unterschieden wir zwischen wahrnehmendem Bewusstsein und selbst gerichtetem Bewusstsein. Ungeklärt blieb bislang, ob der Mensch als einziges Tier ein selbst gerichtetes Bewusstsein besitzt, also die Fähigkeit sich selbst in Bezug und Wechselwirkung zu seiner Umwelt zu sehen und über seine Existenz zu reflektieren. Ob auch andere Tiere in dieser Tragweite über ein selbst gerichtetes Bewusstsein verfügen ist ungewiss — jedoch finden sich Indizien dafür: So erkennen beispielsweise Schimpansen sich selbst im Spiegel und benutzen ihr Spiegelbild um Körperstellen zu reinigen, die sie ohne Spiegel nicht sehen könnten. Und mehr noch: Schimpansen erkennen sich sogar auf Fotos wieder! Wer Tiere über einen längeren Zeitraum beobachtet hat, weiß, dass es unter Tieren vieler Spezies enge soziale Bindungen bestehen. Solche Bindungen lassen sich nur knüpfen, wenn sich ein Wesen seiner Selbst und seinen Bedürfnissen gewahr ist.

Richten wir unsere Aufmerksamkeit auf elementare biologische Anschauungen, so ist es unmöglich zu rechtfertigen, dass wir Menschen die einzige Spezies seien, die über ein selbst gerichtetes Bewusstsein verfügt. Charles Darwin war es, der aufzeigte, dass die Evolution einer Kontinuität unterworfen ist. Wir mögen uns zum Teil äußerlich gravierend von Kühen, Hühnern oder Schweinen unterscheiden, so erfüllen unsere Organe doch sehr vergleichbare Zwecke und arbeiten nach den gleichen Prinzipien. Anatomisch betrachtet weist auch das Gehirn, der Sitz unseres Bewusstseins, große Affinität zu dem anderer Tiere auf. Warum sollte unser Gehirn die große Ausnahme bilden und nach grundlegend anderen Prinzipien arbeiten als das unserer evolutionär so nahen Verwandten, den übrigen Tieren? Ist vor dem Hintergrund der evolutionären Kontinuität die Annahme, dass alle Tiere auf ihre eigene Art sich ihrer Umwelt und ihrer Selbst bewusst sind, die nahe liegendere?

Neue wissenschaftliche Erkenntnisse untermauern es: Tiere träumen, ihre Gehirnwellen in den unterschiedlichen Schlafphasen mit denen des Menschen nahezu identisch. Obschon der Schlaf als Zustand der Bewusstlosigkeit gilt, setzt er voraus, dass ein Individuum vor den Eintritt in die Schlafphase bei Bewusstsein war — werden doch im Schlaf Erlebnisse und Erfahrungen verarbeitet.

Losgelöst davon, ob und inwieweit ein Lebewesen über Bewusstsein verfügt, müssen wir uns abschließend eines fragen: Kann Bewusstsein überhaupt als Entscheidungsgrundlage dafür dienen, inwieweit ein Lebewesen durch uns moralisch berücksichtigt werden sollte? Wir sollten uns vergegenwärtigen, dass unser Schmerzempfinden von unserem Bewusstsein entkoppelt ist. Folglich nehmen wir auch dann uns zugefügtes Leid wahr, wenn wir unser Bewusstsein verloren haben. Gemeint ist damit Folgendes: Nehmen wir an, du erlittest einen schlimmen Unfall und verlörest als irreversible Folgeerscheinung alle deine Erinnerungsengramme; du wüsstest weder wie du heißt, wärest ohne Erinnerung an Freunde und Verwandte und dein Platz in dieser Welt wäre dir ebenfalls unbekannt. Mit anderen Worten: Du littest an einer schweren Amnesie, womit du faktisch ohne Bewusstsein wärest. Auch in diesem Zustand wäre dein Leidempfinden unverändert, Du fühltest weiterhin körperliche wie psychische Schmerzen. Auch dein Bedürfnis nach Freiheit wäre von der Amnesie unberührt, wenn dich jemand einsperrte, dann würdest du darunter leiden. Wäre es richtig dich leiden zu lassen, nur weil du deinen Namen nicht kennst? Wohl kaum! Was also gibt uns das Recht andere Tiere einzusperren, auszubeuten, zu versklaven und zu ermorden? Selbst unter der hypothetischen Prämisse, dass sie über keinerlei Bewusstsein verfügten, gäbe uns nichts dazu die Berechtigung.


<include „Gliederung zum Speziesismus“>


ethik speziesismus tierrechte


Zum letzten Absatz im Artikel: Wenn Individuen über kein Bewusstsein verfügen schließt dies zwar die Fähigkeit des Leidens keineswegs aus, allerdings kann doch nicht unterstellt werden, dass diese Lebewesen ein (bewusstes) Interesse daran haben, überhaupt zu leben, oder? Würden sie ohne Einschränkungen in Freiheit leben können und schmerzfrei getötet (und auch ihre Artgenossen dies nicht bewusst wahrnehmen), würde man gegen ihre Interessen verstoßen? Gesetzt den Fall, eine Nutzung von Individuen für eigene essentielle Interessen (z. B. Ernährung) wäre leidfrei möglich, wäre das Bewusstsein sehr wohl eine Entscheidungsgrundlage.

Davon abgesehen ist der Absatz etwas unglücklich formuliert: aus einer pathozetrischen Ethik werden Tiere immer moralisch berücksichtigt, lediglich stände zur Disposition, ob bestimmte Entscheidungen anhand des Bewusstseins positiv oder negativ ausfallen. Du hattest wahrscheinlich gemeint, dass aufgrund der bestehenden gesellschaftlichen Verwertungsverhältnisse eine leidfreie Nutzung von Tieren nahezu ausgeschlossen werden kann, womit aus pathozentrischer Sicht das Nutzen von Tieren unabhängig von deren Bewusstsein abzulehnen wäre.

– Tim 2005-03-23 02:31


Wenn wir unterstellen, dass es unbewusstes Leben gäbe - also Lebewesen, denen es gleichgültig ist, ob sie leben oder sterben - wäre es gewiss kein Verbrechen ihre Leben zu nehmen. Halten wir uns jedoch vor Augen, dass selbst Kleinstlebewesen über einen Selbsterhaltungstrieb verfügen, erkennen wir, dass derartige Überlegungen allenfalls von akademischem Wert sind. Grundsätzlich gilt: Wenn ein Lebewesen keine Interessen hat, können wir auch unmöglich gegen diese (nicht existenten) Interessen verstoßen.

– Tom 2005-04-03 19:33


Einen Selbsterhaltungstrieb kannst Du auch Pflanzen, Zellen oder Flüssen unterstellen. Für mich ist das nicht das selbe wie Bewusstsein, wenn wir dieses als die Fähigkeit definieren, über sich selbst, seine Vergangenheit, seine Zukunft und seine Umwelt zu reflektieren.

– Tim 2005-04-06 10:11


Der Unterschied zwischen bewussten und unbewussten Leben besteht meiner Meinung darin, dass unbewusstes Leben vollständig determiniert ist. Soll heißen, dass sich die Reaktionen einer Pflanze auf gewisse Reize ebenso wie die einer Zelle oder eines Flusses bis ins Detail vorhersagen lassen - die eines Individuums hingegen nicht. Ich halte es für gefährlich Bewusstsein als die die Fähigkeit zu definieren, über sich selbst, seine Vergangenheit, seine Zukunft und seine Umwelt zu reflektieren, denn damit schließen wir vor antispeziesistischen Hintergrund viele Tiere - menschliche wie nichtmenschliche - aus der Sphäre unsere sittlichen Verantwortung aus; zumindest wenn wir Bewusstsein als moralrelevantes Charakteristikum ansehen möchten.

– Tom 2005-04-06 10:28


Das Bewusstsein beinhaltet wesentlich mehr als nur Wahrnehmung und Reflexion. Dazu zählt das Körperempfinden; das Schmerzempfinden; Gefühle wie Trauer, Liebe, Wut, Hass, Neid, Eifersucht, der „Wille“, Überzeugungen… Das Schmerzempfinden (eine bestimmte subjektive Empfindung) zum Beispiel ist ein bestimmter Teil des Bewusstseins und ohne ein Bewusstsein nicht möglich. Denkfähigkeit und Reflexionsfähigkeit sind nur ein weiterer Teil eines Bewusstseinszustandes. Übrigens wechseln diese Zustände innerhalb eines Individuums ständig von einem Bereich in den anderen. Bewusstseinszustände sind daher auch ohne die Fähigkeit zu denken oder zu reflektieren möglich. Wenn ich einen Baum bewusst wahrnehme, dann muss ich nicht ständig darüber reflektieren oder nachdenken „dass ich ihn sehe“ - ich sehe ihn einfach. Daher halte ich es auch für durchaus denkbar, dass Tiere z.B. Ameisen über ein Bewusstsein verfügen könnten unabhängig davon ob ihr Verhalten absolut (genetisch) determiniert wäre oder nicht. Instinktives Verhalten kann somit genauso Bewusstseinszustände beinhalten wie „freie“ Handlungen und Überzeugungen (von den Gefühlen mal ganz abgesehen). Bewusstsein ist das Kriterium, das einem Lebewesen erst einen Eigenwert zuschreiben lassen. Krane 2005-12-07 10:08


Einen „Eigenwert“ würde ich Leben nicht erst dann zuschreiben, wenn es Bewusstsein hat! Jede Form von Leben ist zu respektieren. Das Bewusstsein ist allerdings eine entscheidende Voraussetzung für die Frage, ob die Interessen einer beliebigen Art von Individuum überhaupt verletzt werden können oder nicht. Es geht also nicht um die Einstufung darüber, wieviel ein Leben „wert“ sei, sondern darum, ob ein Lebewesen über Interessen verfügt, die es - soweit keine eigenen wesentlichen Interessen dabei verletzt werden - zu achten gilt. Peppermint 2005-12-23 10:33


@Krane: meintest du mit „Eigenwert“, dass ein Lebewesen das Kritierium für ein Individuum erfüllt, also Eigenarten und Besonderheiten gegenüber anderen Lebewesen der selben Spezies aufweist (weil es eigene Situationen erlebt und damit z. B. andere Dinge empfindet als seine Artgenossen)? Dann würde ich dir nämlich zustimmen :) Zustimmen würde ich dir auch darin, dass die Definition von Bewusstsein über das Denken und Reflektieren hinaus gelten sollte.

@Tom: „Ich halte es für gefährlich Bewusstsein als die die Fähigkeit zu definieren, über sich selbst, seine Vergangenheit, seine Zukunft und seine Umwelt zu reflektieren, denn damit schließen wir vor antispeziesistischen Hintergrund viele Tiere - menschliche wie nichtmenschliche - aus der Sphäre unsere sittlichen Verantwortung aus; zumindest wenn wir Bewusstsein als moralrelevantes Charakteristikum ansehen möchten“ – ich würde nicht das Bewusstsein, sondern das Entwickeln von Interessen und Bedürfnissen als moralrelevantes Kriterium ansetzen, wozu das (nicht nur über das reine Denken und Reflektieren definierte) Bewusstsein m. E. notwendige Voraussetzung ist. Vielleicht sollten wir uns auch mal wieder über Antispeziesismus verständigen … ich verstehe darunter nicht die Gleichbehandlung aller Individuen (vgl. auch Diskriminierung, sondern die weitmögliche Rücksichtnahme, welche nicht von der Spezies des betroffenen Individuums abhängig gemacht, sondern anhand der sich in der jeweiligen Situation gegenüberstehenden Interessen bestimmt wird.

lg, Peppermint 2006-08-01 23:20