Der Begriff des Anarchismus

Immer mal wieder tauchen in Diskussionen um den Veganismus auch die Begriffe Anarchie und Anarchismus auf. Auch in der „linken Szene“ wurde der Veganismus diskutiert, besonders intensiv Mitte der 1990'er Jahre. Die Verbindung von Anarchismus und Veganismus ist eine Variante des eher politisch geprägten Veganismus, bei dem die Auswirkungen des eigenen Konsumverhaltens auf die Gesellschaft und die Umwelt im Mittelpunkt stehen. Schauen wir doch mal, was sich dahinter verbirgt.

Anarchismus, das ist die Vision einer besseren Zusammenlebens ohne Unterdrückung und Ausbeutung. Eine Gesellschaft ohne Krieg, Gewalt, Diskriminierung, Ausbeutung, Krankheit und Armut. Eine Gesellschaft, in welcher die Menschen nicht länger der Spielball der Interessen von Staat und Kapital sind, sondern ihr Leben in die eigenen Hände nehmen. Der Weg dorthin führt über die Ablehnung jeglicher Ausübung von Macht und über die Selbstorganisation. Anarchisten versuchen durch direkte Aktionen und basisdemokratische Organisation ihre Interessen zu realisieren.

Zu unterscheiden ist der Begriff des Anarchismus von dem der Anarchie. Beide Begriffe werden häufig mit einer negativ besetzten Vorstellung von „Chaos“ in Verbindung gebracht, bei dem das „Recht des Stärkeren“ gilt. Tatsächlich steht Anarchie für jegliche Abwesenheit von Herrschaft sowie ein vollständig und individuell selbstbestimmtes Leben. Eine andere Ordnung als die der sich „von unten“ ergebenden gibt es dabei nicht. Der Begriff des Anarchismus dagegen ist mit konkreteren Vorstellungen über ein selbstbestimmtes Zusammenleben der Menschen verbunden, etwa Basisdemokratie, Selbstorganisation, die gemeinsame Befriedigung von Bedürfnissen (z. B. kooperative Bildung, Produktion usw.), oder allgemein ein soziales, hierarchiefreies Miteinander. Der libertäre Grundgedanke dabei: handele entsprechend deinen individuellen Bedürfnissen, solange du dabei die wesentlichen Interessen anderer nicht verletzt.

Verbindung von Anarchismus und Veganismus

Erweiterung des libertären Grundgedankens

Beim Gedanken der Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer wird nun auch der mögliche Bezug zu Veganismus und Speziesismus deutlich. Anarchisten dürften sich selbst eher selten als „Tierrechtler“ bezeichnen, da sie einen positiven Bezug auf das Recht in der Regel ablehnen. Dennoch lässt sich der libertäre Gedanke vom Menschen auf alle Lebewesen ausweiten. Anarcho-Veganer respektieren also nicht nur die wesentlichen Interessen ihrer Mitmenschen, sondern auch die aller anderen, inbesondere fühlenden Lebewesen.

Die häufig zu hörende Einwand, Menschen sollten nicht auf die Ebene anderer Lebewesen „herabgestuft“ werden, wird jedoch auch von vielen nicht-veganen Anarchisten vertreten. Zudem lässt sich mit der Vorstellung von Selbstorganisation und Freiheit nicht vereinbaren, dass die Interessen anderer Lebewesen nur stellvertretend durch den Menschen vertreten werden, wenn diese sich nicht selbst zusammenschließen können, um sich gemeinsam für ihre Bedürfnisse einzusetzen. Welche Interessen die anderen Lebewesen tatsächlich haben, obliegt dabei der Interpretation des Menschen, und damit einer gewissen Willkür und Fremdbestimmung, trotz aller möglicherweise positiven Absichten.1)

Zum Teil finden die Ideen des Anarchismus auch bei den Anhängern von Tierrechten oder Tierschutz Anklang. Ein Beispiel für eine offene, an basisdemokratischen Prinzipien orientierte Organisationsform liefert die ALF (Animal Liberation Front); der fehlende positive Bezug auf das (juristische) Recht äußert sich in der Einstellung vieler Tierrechts- oder Tierschutzaktivisten, Gewalt gegenüber Gegenständen (fremdes Eigentum) zugunsten wesentlicher Interessen von Individuen als legitimes Mittel anzusehen. Zu beobachten ist jedoch häufig, dass libertäre Ideen von vielen anarchisch angehauchten Tierrechtlern oder Tierschützern nur auf den Umgang mit nicht-menschlichen Lebewesen, nicht jedoch auf das menschliche Miteinander (z. B. im Umgang mit Andersdenkenden) angewandt werden.

Veganismus in einer anarchistischen Gesellschaft

Veganismus ohne Fleischverbot

In einer anarchistischen Gesellschaft gibt es keine Gesetze und Verbote. Stattdessen regeln die Menschen ihre Konflikte selbst miteinander. Es wäre vorstellbar, dass zum Beispiel das Essen von Fleisch in so einer Gesellschaft nicht mehr mit den Wertvorstellungen der Mitmenschen vereinbar wäre und zu Diskussionen oder sozialen Sanktionen führen würde. Ein Verbot des Fleischkonsums käme in einer solchen Gesellschaft jedoch nicht infrage, da Verbote und festgelegte Sanktionen wieder Machtstrukturen voraussetzen würden, die ja wiederum (so die Theorie des Anarchismus) durch Personen oder Gruppen mit bestimmten Interessen missbraucht werden, beziehungsweise zur einseitigen Durchsetzung von Interessen überhaupt erst geschaffen werden.

Der Übergang zu einer vorwiegend vegan lebenden Gesellschaft kann aus libertärer Sicht daher nur mit den Mitteln des Angebots von Argumenten und Informationen und einen sich möglicherweise daran anschließenden Diskurs vollzogen werden, mithilfe derer die Menschen unter Bezugnahme ihrer individuellen Möglichkeiten, Prioritäten und Grenzen ihre eigenen moralischen Entscheidungen treffen. Abzulehnen wären damit auch die Durchsetzung des Veganismus mithilfe von Gewalt gegenüber Individuen, was auch psychische und verbale Gewalt einschließt, oder mithilfe von Manipulation dieser Individuen.

Veganismus und Gewalt

Die Frage des Einsatzes von Gewalt ist jedoch durchaus strittig. Zum einen ist festzustellen, dass eine gewaltfreie Gesellschaft nur ohne Gewalt erreicht (und gehalten) werden kann. Zum anderen stellt sich jedoch die Frage, wie auf Gewalt von „außen“ reagiert werden kann. Einen Ansatz bietet hier die dezentrale Organisation, die bei freien Tieren prinzipiell ja auch gegeben ist (Rudel, Schwärme, Herden, Ameisenstaat usw.). Dass Tiere in Gefangenschaft sich selbst mit Gewalt befreien, wäre sicher legitim, ist jedoch schwer vorstellbar. Tierbefreiungen durch den Menschen sind trotz des Einsatzes von Gewalt moralisch sicherlich nachvollziehbar, die Frage ist aber weiterhin, wie der Zustand der Befreiung ohne den fortlaufenden Einsatz von Gewalt zu halten ist.2)

Grundsätzlich zu unterscheiden ist jedoch zwischen Gewalt gegenüber (fühlenden) Individuen, und „Gewalt“ gegenüber Sachen. Während die Gewalt gegenüber Individuen unter Anarchisten meist abgelehnt wird oder zumindest umstritten ist, wird „Gewalt“ gegenüber Sachen (oder besser: Eigentum) nicht als solche im engen Sinne angesehen, weil das Konzept des Eigentums an Produktionsmitteln selbst im Anarchismus bereits angezweifelt wird: da diese aus Gewinnen finanziert werden, die durch die Differenz zwischen Produktivität und Lohnauszahlung der Arbeitenden, sowie auf Basis eigentlich niemandem oder allen gehörender Rohstoffe basieren, haben die Arbeitenden auch ein Recht auf einen fairen Anteil am Gewinn bzw. an den Produktionsmitteln.

Wie weit auch immer die Einschränkungen der Ablehnung jeglicher Gewalt gehen mögen: dogmatische Methoden lassen sich mit einer anarchistischen Weltanschauung nicht vereinbaren, ebensowenig die Zusammenarbeit mit reaktionären oder dogmatischen Gruppen, etwa zum Wohle der so genannten „Tierrechtsbewegung“. Für die meisten Anarcho-Veganer ist Veganismus ohnehin ein zwar wichtiges, aber keinesfalls anderen gesellschaftlichen Themen übergeordnetes Agitationsfeld.

Weblinks

Diskussion

  • Am Begriff des „besseren Zusammenlebens ohne Unterdrückung und Ausbeutung“ gibt es nichts auszusetzen, dennoch bin ich der Meinung, dass mit der Idee des Anarchismus sehr wohl auch eine Gesellschaftsordnung verbunden ist: eben die der dezentralen Organisation von unten und nach basisdemokratischen Prinzipien (Kleine Gruppen, Vollversammlungen, Konsenssuche mit Vetomöglichkeiten, Offenheit, Freiwilligkeit, Rotationsprinzip, Förderationen mit imperativen Mandaten usw.). Selbst der Begriff „Chaos“ steht letzlich für eine Ordnung, die jedoch nicht durch zentrale Vorgaben (Parteien, religiöse Institutionen, Wertesysteme usw.), sondern eben durch den Zufall bestimmt ist, welcher sich bei genauerem Hinsehen als das Zusammenteffen der individuellen Bedürfnisse entpuppt. Sobald Menschen oder Individuen allgemein „zusammenleben“, tun sie dies immer in irgendeiner „Ordnung“.
  • Ich kann dem Autor des Artikels nur beipflichten, der Begriff „Gesellschaftsordnung“ impliziert nicht die Präsens von Autoritäten und Gesetzen. Einen Widerspruch einer wie auch immer gearteten Ordnung zum Anarchismus vermag auch ich nicht zu erkennen.

Exzellenter Artikel übrigens! :-)

  • „Tatsächlich steht Anarchie für jegliche Abwesenheit von Ordnung“, da dürften einige widersprechen, schließlich wird auch von vielen Anarchie als „Mutter aller Ordnung“ bezeichnet, nur kommt die Ordnung halt „von unten“
  • Wer des Griechischen mächtig ist, weiß, dass Anarchie nicht Abwesenheit von Ordnung, sondern die Abwesenheit von HERRschaft bedeutet.
  • Okay, hab den Satz dazu im Text geändert…

Hallo! Ich schreibe grade an meiner Promotion zum Thema „Der Veganismus:postmodernes Ergebnis und neuer lebensweltlicher Ansatz des Anarchismus!?“ und bin nun auf diese Seite gestossen, die mich sehr gefreut hat. Wenn jemand an meinem bisherigen Text interessiert ist und mit mir in eine Diskussion eintreten möchte, kann mir das unter: berndrinas@tiscali.de mitteilen. Auch hier werde ich jetzt sicher öfters mal vorbeischauen und mich „einklinken“. B.-U.Rinas

– Bernd Rinas 2005-01-04 10:41


Hallo Bernd :) Na das nenn ich mal ein interessantes Promotionsthema :) Ich fände es auch gut, wenn die Diskussion hier vertieft wird, und im Artikel fehlen sicher auch noch einige wesentliche Aspekte. Das selbe gilt auch für das Thema Ethik, worüber hier erst kürzlich diskutiert wurde. Bin gespannt, mehr von Dir zu lesen.

– Tim 2005-01-04 13:34


Yeah! Endlich werden wir mal thematisiert. yetzt 2005-07-08 08:14


Müssen Antispeziesten Anarchisten sein? Ich denke schon, denn wenn Anarchismus die Überwindung von Herrschaft bedeutet, ist das doch notwendige Rahmenbedingung um Speziesismus als Herrschaft über Tiere aufzugeben. Oder wie seht ihr das? Zotteline 2006-07-11 14:12


Hi Zotteline! Das Thema kannst Du ja mal mit Tom erläutern ;-) Das ist SEIN Thema :-)

Ich glaube nicht an Anarchie. LEIDER! Wenn ich mir die Menschen so ansehe die es nicht mal schaffen untereinander einen respektvollen Umgang zu erhalten sehe ich dafür absolut schwarz. Anarchie kann nur herrschen (Hach wie ich dieses Wortspiel liebe!) wenn jeder einsieht das nicht nur Raffen und er selbst im Mittelpunkt des Universums stehen sondern Gemeinschaft und Lebensglück eines jeden Individuums. Solange die menschen andere schamlos ausbeuten sehe ich da keine Chance. Vielleicht entwickeln wir uns weiter und in ein paar tausend Jahren haben wir eine vegane, anarchistische und noch existente Gesellschaft. Zum momentanen Zeitpunkt bin ich dankbar darum das z. B. die bei mir lebenden Hunde zumindest durch ein lächerliches Gesetz vor Angriffen geschützt sind.

Es soll übrigens auch Veganer geben die den Kapitalismus oder eine Diktatur sehr befürworten würden. Wie die befreiten Tiere ihre Unterkunft bezahlen sollen ist mir allerdings schleierhaft…. Feilchen 2006-07-11 16:44


Ja, ich habe mit Tom auch schon mal drüber diskutiert. Seine Argumente erscheinen mir auch einleuchtend. Und ich denke mittlerweile auch, dass ein anarchistischer Konsens nötig sein wird, um den Speziesismus überwinden zu können. In einer auf Herrschaft basierender Gesellschaft wird wohl bestenfalls ein etwas besserer Tierschutz drin sein, denke ich. Aber ich kann mir in Anblick unserer gegenwärtigen Gesellschaft, die auf purer Ignoranz, Egoismus und Raffgier zu basiert, kaum vorstellen, dass Menschen friedlich in freien Vereinbarungen miteinander und mit Tieren leben können. Auf das Argument habe ich zu hören bekommen, dass die Menschen von der gegenwärtigen Gesellschaft geprägt sind und durch den Abbau von Dominanzen allmählich ihren Egoismus ablegen würden, weil ohne Herrschaft Wohlstand nur durch freundschaftliche Zusammenarbeit möglich ist. Das Argument mag sicher stimmen, denn die Reichen sicheren ihren Reichtum und ihre Macht durch Gesetze ab. Aber ich frage mich, was jemanden daran hindern sollte ich in einer anarchistischen Gesellschaft sich mit Gewalt mehr zu nehmen als andere? Was hindert Menschen in einer anarchistischen Gesellschaft daran Tiere zu schlchten und aufzufressen? In einer anarchistischen Gesellschaft kann sich ganz schnell wieder Herrschaft etablieren, wenn es keine Instanzen gibt, die dies verhindern. Aber wenn solche Instanzen eingerichtet werden, ist dann die Gesellschaft noch anarchistisch? Irgendwie ist das schon sehr deprimierend, denn solche Überlegungen führen zum Schluss, dass die Welt so ziemlich am Ar * ist und sich nie etwas ändern wird. :( Zotteline 2006-07-11 17:42


heyho, deine ansichten sind ja prima reflektiert.

naja, was hindert mich daran, dich umzubringen? meine ablehnung von gewalt als ausdrucksform von herrschaft. und genau das hindert mich auch daran, andere tiere zu toeten :)

ich wuerde die ueberlegung mehr abstrahieren: auch in einer anarchistischen utopie kann gewalt nicht verhindert werden, aber wenn ich gewalt ausueben will, kann ich das in jeder gesellschaft tun, das ist ja kein problem einer anarchistischen welt :)

dennoch ist der umgang mit der moeglichkeit, dass gewalt auftritt ein anderer. in der aktuellen gesellschaft wird ziemlich wirkungslos damit umgegangen, mit gesetzen (die technisch rein garnichts verhindern) und repression (die auch nur gewalt ist und zu „gegen“gewalt fuehrt).

der umgang in einer anarchistischen welt waere ein anderer. viele ursachen fuer gewalt wuerden wegfallen: bereicherung ist kein motiv, konstruierte hierarchiesituationen waeren dekonstruiert - bleiben also emotionale und psychische gruende. wenn ein mensch in einer anarchistischen welt gewalt ausuebt, kann das also nur eine bedeutung haben: dieser mensch hat ein problem und braucht vermutlich hilfe. und diese hilfe kann es geben, die kann fuer jeden menschen erreichbar sein.

(ansonsten gibts noch die anarcho-transhumanistische these, dass die wissenschaft ein geraet bauen wird, das gewalt verhindert, aber das is eine andere diskussion)

ansonsten: kein mensch wird mich in einer anarchistischen welt daran hindern, dass ich zweiundzwanzig zahnbuersten habe und jeden tag doppelt so viel esse, wie meine mitmenschen. warum auch? yetzt 2006-07-11 20:59


naja, was dich daran hindern könnte mich umzubringen ist die tatsche, dass du damit rechnen müsstest für lange zeit eingeknastet zu werden. aber du hast schon recht, die logik von strafe zieht nicht, sonst dürfte es in t e x a s (wenn ich es zusammen schreibe, kann ich den beitrag nicht abschicken), wo es die todesstrafe gibt, z.B. keine morde mehr geben. wenn jemand wirklich jemanden umbringen will, handelt er irrational. allerdings impliziert das meiner meinung nach nicht, dass durch eine wegfall jeder strafe die zahl der morde konstant bleibt (oder sogar sinkt). denn wenn jemand wüsste, dass ein mord straffrei bleibt, würde er diesen möglicherweise eher begehen. ich meine, man klaut doch eher mal ein päckchen kaugummi als eine bank zu überfallen. warum? weil kaugummiklauen weitgehend strafrei bleibt und ein banküberfall dich für viele jahre in den kanst bringt. wenn wir delikte wie raub, körperverletzung und mord (ich verzichte hier mal auf genaue juristische diferenzierungen) als gewalt bezeichnen wollen, könnte man also feststellen, dass durch die gewaltmonopolisierung eines staates die anzahl der gewalttaten einzelner durch angst vor strafe senkt.

vorweg, ich halte nicht von copyrights, weil informationen frei sein sollten. aber ich finde das beispiel sehr prägnant. fast jeder beseitzt so genannte raubkopien und fertigt welche an. warum? weil es zwar unter strafe steht, aber nicht sonderlich gut verfolgbar ist. die gefahr erwischt zu werden ist trotz der panikmache in den medien doch äußerst gering. nun stellt sich die frage, wie viele raubkopierer denn wohl in ein geschäft gegen würden und dort cds, dvds oder software mitgehen lassen würden. bestimmt nicht sehr viele, wahrscheinlich so gut wie niemand, weil hier die gefahr erwischt zu werden viel zu groß ist. also scheint sich auch hier zu bewahrheiten, dass strafen schon vor kriminalität schützen, sofern die täter zu rationalen entscheidungen fähig sind.

auch kann ich die position nicht teilen, dass viele motive für gewalt in einer anarchistischen welt entfallen würden. es gibt leider immer mehr menschen, die etwas haben wollen, dass wer anders hat. wenn eine knapptheit an resourcen besteht (das können ebenso lebensmittel wie liegeplätze am strand sein), wird es leider auch menschen geben, die sich um die resourcen streiten.

bin gerade etwas verwirrt, weil das thema ziemlich kompliziert ist, finde ich. hoffentlich konnte ich trotzdem verständlich rüberbringen, was ich meine.

lg, janina Zotteline 2006-07-11 22:04


Bin ganz Deiner Meinung Janina!

Ich traue den Menschen auch LEIDER nicht genug Empathie zu als das sie einsehen würden das es nicht ok ist dem schwächeren noch mehr weg zu nehmen damit ihr eigenes Leben etwas Luxuriöser wird. Anarchie wäre toll. Aber leider wird dabei Gier und Neid vergessen. Es wird immer Schmarotzer, Heuchler und Betrüger geben. In der Gewaltfreien Anarchie wäre ich aber einfach selbst dran schuld wenn ich mich ausnutzen lasse und dadurch sinkt bei jedem die Hilfsbereitschaft gegen null. Aber ein heikles Thema hier, da hab ich auch schon lange mit Tom gezankt.

Es wäre ja schön wenn Mensch anders wäre und hey, vielleicht entwickelt er sich ja noch. Aber derzeit wäre es einfach eine Katastrophe. Stellt Euch mal vor, Plötzlich keine Regierungen und Gesetze mehr. Die Leute würden Banden bilden und raffen was das zeug hält oder ihr Eigentum nach allen kräften verteidigen. Darum würden sie sich kümmern. Nicht um einander! Die paar anständigen Leute würden einfach vom Mop niedergewalzt! Ich stehe nicht auf Gesetze und mir reicht meine Moral. Wenn jemand meinem Kind was tut dann… Da sind mir Gesetze völlig egal, und ich brauch auch kein Gesetzt das für mich das Morden verbietet aber der großteil der Bevölkerung ginge ja nicht mal mit dem Nachbarn anständig um wenn er keine Strafe zu fürchten hätte…

Hey, darüber sollten wir auf dem Wikitreffen diskutieren, bevor wir uns schon vorher alle kloppen ;-) Feilchen 2006-07-11 22:41


Wirklich ein brisantes Thema, schön, dass das endlich mal diskutiert wird.

Müssen Antispeziesisten Anarchisten sein? Ich denke schon, denn wenn Anarchismus die Überwindung von Herrschaft bedeutet, ist das doch notwendige Rahmenbedingung um Speziesismus als Herrschaft über Tiere aufzugeben.

Das denke ich nicht. Es wäre aus herrschaftskritischer Sicht zwar konsequent, ebenso wie die Diskriminierung aufgrund der Spezies auch all die anderen Herrschaftsverhältnisse abzulehnen. Aber zum einen beziehen sich viele Aktivisten eben (leider!) nur auf ihre „Ingroup“ (z. B. Feministinnen auf Frauen, sozialistische Nationalisten auf ihr „Volk“ oder Anarchisten auf Menschen), ohne etwa die Diskriminierung aufgrund des Alters, des Aussehens oder eben aufgrund der eigenen Spezies abzulehnen; das Paradigma dabei ist dann nicht die allgemeine Herrschaftskritik, sondern das Eintreten für die Rechte der jeweils fokussierten Gruppe. Zum anderen muss Anarchismus nicht der einzige gesellschaftliche Entwurf sein oder bleiben, der für die Überwindung jeglicher Herrschaft steht. Das Ziel sollte also nicht unbedingt darin liegen, Antispeziesisten auch zu Anarchisten zu machen und Anarchisten auch zu Antispeziesisten, sondern … die allgemeine Rücksicht auf Interessen und Bedürfnisse anstelle des Eintretens für die Rechte dieser oder jenen Teile der Gesellschaft in den Vordergrund zu rücken, dafür ein Bewusstsein zu schaffen und damit zu argumentieren.

Aber ich kann mir in Anblick unserer gegenwärtigen Gesellschaft, die auf purer Ignoranz, Egoismus und Raffgier zu basiert, kaum vorstellen, dass Menschen friedlich in freien Vereinbarungen miteinander und mit Tieren leben können.

Mir geht es manchmal ähnlich; es gibt immer wieder Momente in denen ich denke: das wird nie besser, vielleicht ist es besser so wie „alle anderen auch“ die Augen zu verschließen und mir auf Kosten anderer ein schönes Leben zu machen. Aber ist das wirklich schön? Diese Idee, frei und rücksichtsvoll miteinander zu leben funktioniert doch: in zwischenmenschlichen Beziehungen, in libertären Läden, in Wikis … - auch wenn das freie Miteinander immer ein ständig auszuhandelnder Prozess bleiben wird, nie perfekt ist und es auch nie sein wird. Oder schau dir Open Source3) an, freie „Universitäten“4), Food Coops5): wir Menschen (m. E. die einzigen bekannten Indivduen, die Interessen anderer Individuen verletzen ohne dass dieses für die Erfüllung eigener essentieller Bedürfnisse immer notwendig wäre) können in freien Vereinbarungen miteinander leben, ebenso wie wir alle anderen Individuen frei neben uns leben lassen können, solange sie wiederum nicht unsere Interessen wesentlich verletzen; und immer mehr von uns tun dies doch auch schon längst wo immer sie die äußeren Umstände nicht daran hindern.

Und da sind wir beim zweiten Punkt: ich glaube nämlich nicht, dass unsere Gesellschaft auf „Ignoranz, Egoismus und Raffgier“ basiert. Zu den Grundpfeilern unserer Gesellschaft gehören vielmehr Konstrukte wie das Eigentum, die künstliche Verknappung und das Gewaltmonopol. Während das Gewaltmonopol (unter anderem) das Recht auf Eigentum und künstliche Verknappung sicherstellt, entscheidet die Verteilung des Eigentums im weiten Sinne darüber, wer über die Anwendung des Gewaltmonopols bestimmen darf. Die Verteilung anhand von Besitzrechten anstelle anhand von Bedürfnissen führt zwangsläufig zu Konkurrenz: da du auf Lohn angewiesen bist, um dir einen gewissen Lebensstandard leisten zu können, stehst du ständig im Wettbewerb um den besseren Abschluss, die bessere Bewerbung oder die bessere Stellung im Job. So entsteht das Gegeneinander, der „Egoismus“. Die meisten Menschen nehmen die negativen Folgen davon auch wahr und würden da gern irgendwie rauskommen, die Frage ist nur: wie? Selbst als Hersteller, Lieferant, Dienstleister etc. stehst du automatisch in einem Konkurrenzverhältnis, sobald du die Tätigkeiten nicht nur nebenbei machst, sondern davon auch leben möchtest. Du bist als Unternehmer mehr oder minder dazu gezwungen, die Kosten zu senken oder den Erlös zu steigern, egal was für ein Mensch du bist. Und selbst als Politiker einer beliebigen Partei kannst du so aufmerksam, „altruistisch“ und großzügig sein wie du willst: die verfassten Grundsätze unserer Gesellschaft wie das Eigentum oder das Gewaltmonopol wirst auch du nicht aufbrechen können, und somit ebensowenig ohne Weiteres aus dem Gegeneinander und den ungleich verteilten Möglichkeiten (vgl. Strukturelle Gewalt) herauskommen wie der einfache Angestellte im Büro.

In einer anarchistischen Gesellschaft kann sich ganz schnell wieder Herrschaft etablieren, wenn es keine Instanzen gibt, die dies verhindern. Aber wenn solche Instanzen eingerichtet werden, ist dann die Gesellschaft noch anarchistisch?

Die Gesellschaft wäre dann nicht mehr anarchistisch, wenn die Instanzen einseitig Macht ausüben um eigene Interessen auf Kosten anderer zu realisieren, ohne dass dies durch die Gesellschaft angemessen sanktioniert würde. Im Grunde genommen wäre es aber normal, dass Instanzen (wozu auch immer sie eingesetzt werden) operative Macht innehaben und anwenden, dass sie Verantwortung übernehmen und Entscheidungen umsetzen … entscheidend dabei ist, dass sie dies im Sinne der anderen tun und ihr Mandat jederzeit infrage gestellt und entzogen werden kann. Anarchismus bedeutet für mich nicht die grundsätzliche Abwesenheit von Macht, sondern den Versuch, ungleiche Machtverhältnisse (die Grundlage von Herrschaft) auszugleichen.

Irgendwie ist das schon sehr deprimierend, denn solche Überlegungen führen zum Schluss, dass die Welt so ziemlich am Ar * ist und sich nie etwas ändern wird. :(

Schau nur 17 oder 38 Jahre oder noch weiter zurück, und du wirst sehen dass sich doch etwas ändern kann wenn die Ideen gut sind oder der Druck groß genug. Der Druck kann schneller kommen als wir denken, und an den Ideen arbeiten wir6) ja gerade .)

lg, Peppermint 2006-07-12 00:20

Stellt Euch mal vor, plötzlich keine Regierungen und Gesetze mehr. Die Leute würden Banden bilden und raffen was das Zeug hält oder ihr Eigentum nach allen Kräften verteidigen. Darum würden sie sich kümmern. Nicht um einander! Die paar anständigen Leute würden einfach vom Mop niedergewalzt!

Wir kämen aber auch nicht weiter, wenn wir Ideen immer nur abhängig von deren Realisierung denken … also sollten wir zunächst die Frage stellen: „Wie könnte eine freiere Gesellschaft aussehen?“, und erst dann darüber nachdenken, ob oder wie wir von den bestehenden Verhältnissen dorthin gelangen. Im Grunde sehe ich es wie du: das Gros der Menschen ist heute noch weit davon entfernt, frei und kooperativ miteinander leben zu können. Daraus würde ich aber nicht schließen, dass eine freie Gesellschaft immer Utopie bleiben wird, sondern lediglich, dass sich eine bessere Gesellschaftsform nicht auf Knopfdruck erreichen lässt. Sie könnte aber das (fortlaufende) Ergebnis eines langen (nicht endenden) Prozesses werden, während dessen sich das Bewusstsein und die Anschauungen der Menschen verändern.

lg, Peppermint 2006-07-13 14:13

1) Vgl. Tierprotektionismus
2) Tierbefreiungen werden aus tierrechtlerischer Sicht daher auch eher als Symbol verstanden, mit dem Menschen zum Nachdenken bewogen werden sollen. Aus der Tierschutzperspektive können sie einzelnen Lebewesen helfen, erhöhen aber letztlich auch nur die Nachfrage nach „Nutztieren“, so dass es vielleicht überlegenswert wäre, ob nicht an anderer Stelle besser in den „Produktionsprozess“ der Tierproduktindustrie eingegriffen werden kann.
3) Vgl. OekonuxWiki:OekonuxWiki
4) Vgl. Bildungswiki:Hauptseite
5) Vgl. Foodcoopedia:Hauptseite
6) Vgl. z. B. auch Anarchopedia:Hauptseite, FreieGesellschaftWiki:Hauptseite
 
diskurs/anarcho-veganer.txt · Zuletzt geändert: 2009/07/22 13:26 (Externe Bearbeitung)
 
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