Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


der_spiegel_und_die_alf

Dieser Artikel ist noch in Arbeit.Peppermint 2006-11-01 22:24

Der Spiegel zu einer ALF-Aktion in Zürich

Zwei Züricher Anhänger der ALF setzen einen Zirkus mit der Befreiung von Zwerghasen unter Druck, und verbinden dies auf Indymedia mit einer Kampfansage gegen den Kapitalismus. Für Spiegelautor Sebastian Fischer eine gute Gelegenheit, die gefährliche Mischung aus Laienhaftigkeit und Militanz der vom FBI als Terrororganisation eingestuften Animal Liberation Front [http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,444669,00.html aufzuzeigen]. Dieser „argumentiert“ vor allem sprachlich, kommt aber über oberflächliche Eindrücke nicht hinaus.

Die Animal Liberation Front ist eine virtuelle Organisation von Tierrechtlern und Antispeziesisten, die mittels Tierbefreiungen und anderen, oftmals illegalen direkten Aktionen, für die Rechte der Individuen anderer Spezies eintritt. In den etablierten Medien stößt diese Art des Aktivismus auf Ablehnung. Das überrascht kaum. Erstaunlich jedoch ist die Art und Weise, mit der oftmals Stimmung gegen die ALF und den von ihren Anhängern vertretenen Ideen gemacht wird.

Der jüngste Fall: Spiegelautor Sebastian Fischer berichtet über den Fall zweier maskierter ALF-Anhänger, die in Zürich einen Zirkus bedrohen [http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,444669,00.html]. Mit der Befreiung eines zuvor von Kindern betreuten Zwerghasen, die anschließend auf Indymedia in einen herrschaftskritischen Kontext gesetzt wird [http://switzerland.indymedia.org/de/2006/10/43748.shtml], liefern sie dem Spiegel die Vorlage für den Artikel.

Bereits im Titel „Militante Tierbefreier – Verteidigung der Zwerghasen, Angriff auf den Kapitalismus“ wird deutlich, worum es geht: das Schicksal eines Zirkushasen hat nichts mit gesamtgesellschaftlichen Strukturen zu tun, die Kampfansage der ALF an unsere Wirtschaftsordnung ist in keiner Weise Ernst zu nehmen. Da müsste schon etwas mehr passieren, als die Entführung eines kleinen weißen Hasens, und überhaupt sollte man die Politik denjenigen überlassen, die sich damit auskennen und einen entsprechenden Ruf erworben haben.

Sprache als Pseudoargument

Vor allem die ersten und letzten Absätze des Artikels bestätigen den Eindruck:

„In Zürich überfiel ein Kommando der Tierbefreiungsfront den Zirkus Royal. Die magere Ausbeute: Ein Hase, ein Meerschweinchen. Die revolutionäre Attacke ist Teil des weltweiten Kampfes der tierischen Terroristen. Nun weinen Kinder.“ – „Für die Maskierten von der ALF ist es dagegen vom Tiger Samira und Zwerghasen Lulu nur ein kleiner Schritt bis in die große Welt der Systemkritik. Die Tierbefreiungsfrontler sammeln sich im antikapitalistischen Schützengraben.“

Tierische Terroristen? Weinende Kinder? Die große Welt der Systemkritik im antikapitalistischen Schützengraben? Alles Kindergarten, so scheint es, auch wenn man ob des Gewaltpotentials der ALF durchaus besorgt sein darf. Selbstüberschätzung, Unberechenbarkeit und naive Ziele sind die Attribute der Animal Liberation Front, so die indirekte Aussage.

Fischer schafft es mit seiner Wortwahl, den unreflektierten Leser auf seine Seite zu ziehen. Die von den ALF-Anhängern hergestellten Zusammenhänge zwischen Speziesismus und anderen Formen struktureller Gewalt werden nicht erläutert, und schon gar nicht analysiert.

Die wichtigen Nuancen fehlen

Gleichwohl die ALF auch Vegetarier einbezieht und über die Ablehnung von Tierausbeutung hinaus keine gemeinsamen Ziele proklamiert, dürften es vor allem Tierrechtler und Antispeziesisten sein, die für die gänzliche Freiheit von Tieren auch vor militanten Aktionen nicht zurückschrecken.

Der Autor scheint diese Begriffe nicht zu kennen, wenn er von „den militanten Tierschützern“ redet und nicht zumindest darauf hinweist, dass gerade die Ablehnung der von Tierschützern oft pragmatisch hingenommenen geräumigeren Käfige zu einer Radikalisierung und damit zum Teil auch Militarisierung der Szene führte.

Stattdessen führt Fischer zur Erklärung, warum die Schweizer Tierschutzorganisation STS mit den Aktionen der ALF nichts zu tun haben möchte, ein Zitat an: „Der STS sei eine etablierte Organisation, ‚die Schweizer wissen schon, dass wir nicht so sind’, so Mark Rissi zu SPIEGEL ONLINE.“

Aus Sicht von Fischer scheinen sich die Gruppen also einfach darin zu unterscheiden, ob sie etabliert sind oder nicht. Kann jemand, der so die grundlegenden Hintergründe außer Acht lässt, überhaupt an einer inhaltlichen Auseinandersetzung interessiert sein? Nicht sehr stark, wie sich gleich zeigt, denn auch hier stehen die Positionen längst fest.

Über Speziesismus redet man nicht

Drückt der Autor seine Ablehnung, die Tauben „seien“ (Zitat Fischer) „dazu verdammt, ein qualvolles Leben in einem kleinen Käfig zu verbringen“ (Zitat ALF) noch recht milde aus, haut er wenig später mächtig mit den Kommentaren auf Indymedia auf den Putz:

„Das klingt ulkig - und kommt auch in der Anarcho-Community so an: ‚Schon freut man sich, in logischer Fortsetzung, auf die Befreiung einer Fliege aus einem imperialistischen Spinnennetz’, lästert etwa ‚Alfons’ im Forum von Indymedia.org.“

Mit dem zustimmenden Bezug auf das Zitat stellt Fischer (abgesehen vom erneuten sprachlichen Pseudoargument, s. o.) sich hinter zwei Argumente, die immer wieder gegen Tierrechte formuliert werden:

  1. Die ganze Idee ist schon deshalb unseriös, weil dann ja auch auf Fliegen und Millionen anderer Kleinstlebewesen Rücksicht nehmen müssten, was natürlich kompletter Unsinn wäre.
  2. Tierrechte sind wider die Natur, weil man die Spinne vom Fangen der Fliege abhalten müsste (und den Löwen vom Jagen der Antilope etc).

Hier hätte eine interessante Diskussion folgen können, doch Fischer lässt das Zitat unkommentiert im Raum stehen. Vielmehr noch, er beschreibt damit, die Mehrheit der „Anarcho-Community“ Indymedia würde sich über die ganze Aktion belustigen, und suggeriert damit, auch die Idee dahinter müsse falsch sein.

Fragwürdige Maßstäbe

Dies ist natürlich ein fragwürdiger Maßstab. Ob eine Idee gut oder schlecht ist, entscheidet sich nicht an ihrem Verhältnis zur Normalität. Eine objektiv richtige Einschätzung (z. B. „Speziesismus ist eine Form der Diskriminierung“) wird auch dadurch nicht falsch, dass sie nur durch eine von hundert Personen vertreten wird.

Und selbst wenn man das Mehrheitsprinzip hier anwenden wollte, wäre das Ergebnis bei einer offenen Plattform wie Indymedia alles andere als verlässlich. Es ist ohnehin erstaunlich, wie Fischer sich einerseits auf den Artikel bei Indymedia als Quelle und die Kommentare als Argumente beruft, sich andererseits aber über die Kapitalismuskritik von genau den Leuten lustig macht, die auf Indymedia schreiben. Auch hier fehlt der objektive Maßstab, geurteilt wird offenbar so, wie es gerade den eigenen Ansichten förderlich ist.

Bewirken sie nun etwas oder nicht?

~~Baustelle.~~

Hier hätte der Text mit den Pros und Contras zu diesen Thesen interessant werden können, aber Fischer schlägt eine andere Richtung ein und versucht, die Gefährlichkeit der ALF zu unterstreichen. Berichtet wird von den Aktionen gegen Peek & Cloppenburg in Deutschland, und gegen das „Biomedizinische Forschungszentrum“ der University of Oxford.

Interessant dabei: obwohl der Tenor des Artikels genau das Gegenteil suggerieren will, bescheinigt Fischer der ALF an dieser Stelle doch das Erwirken gesellschaftlicher Veränderungen, indem er die angekündigte Einstellung des Pelzhandels bei Peek & Cloppenburg ab Januar 2007 in direkten Zusammenhang mit den Aktionen der ALF bringt. Findet sich hier der versteckte Aufruf an die ALF-Anhänger, sich beim nächsten Mal nicht mit Zwerghasen zufrieden zu geben, und stattdessen wieder (Quellen?) Gräber von Konzerninhabern zu schänden und Schaufensterscheiben einzuschlagen?

Leider verflacht bei der Aufzählung der Aktionen auch die Diskussion über Gewalt zu einer pauschalen moralischen Ablehnung. Ist Tierhaltung keine Gewalt? Ist Gewalt als Mittel gegen Gewalt gerechtfertigt? Wo fängt legitime Gewalt an, wo hört sie auf? Welche Interessen stehen sich gegenüber, wo werden sie verletzt? Diese Fragen stellt sich Fischer nicht, die Lage ist ja auch eindeutig:

„In den USA überwacht das FBI die militanten Tierbefreier.“

Fischer hätte auch schreiben können: „Sogar das FBI überwacht die militanten Tierbefreier, also müssen sie ja böse sein.“ Eine starke Behauptung, die allerdings weder Rücksicht darauf nähme, dass (nicht nur) in den USA nachwievor nahezu alles [http://www.heise.de/tp/r4/artikel/23/23810/1.html durch Geheimdienste überwacht und mitgeschnitten wird], noch, dass andere Geheimdienste des selben Landes in weit größerem Maße Menschen foltern und ganze Kriege anzetteln, was selbiges, wenn es denn überhaupt stattfindet, selbstredend auch in der ALF keinesfalls rechtfertigen würde.

Im Anschluss stellt der Autor unter Beweis, dass er den Unterschied zwischen Tierschutz, Tierrechten und Antispeziesismus noch nicht so recht verinnerlicht hat. Nicht die Bürgernähe unterscheidet die Tierschutzorganisation STS von den „Tier-Terroristen“, sondern deren sich zum Teil widersprechenden Forderungen. Diese scheinen für Fischer vor allem dann akzeptabel zu sein, wenn sie mit der Mehrheit der Bevölkerung kompatibel sind:

„Der STS sei eine etablierte Organisation, ‚die Schweizer wissen schon, dass wir nicht so sind’, so Mark Rissi zu SPIEGEL ONLINE. Für die Maskierten von der ALF ist es dagegen vom Tiger Samira und Zwerghasen Lulu nur ein kleiner Schritt bis in die große Welt der Systemkritik. Die Tierbefreiungsfrontler sammeln sich im antikapitalistischen Schützengraben.“

Legalismus statt Moral

~~Baustelle.~~

Wenn Fischer von den „Masikierten der ALF“ schreibt ist klar, dass er das Handeln und schon allein das Auftreten der ALF-Anhänger ablehnt. Er hätte es auch wie in einem der Kommentare bei Indymedia formulieren können: „Von Leuten, die vermummt auftreten, ist nichts zu halten.“ Hier tritt ein deutlicher Legalismus zu Tage, eine bestenfalls konservative Haltung, die alle noch nicht etablierten Wertvorstellungen und damit jeglichen nicht ausschließlich den eigenen Interessen dienenden Fortschritt ablehnt. Ausgehend von einer solchen Position hat er natürlich Recht, wenn er das Vorgehen der ALF verurteilt. Wenn aber die Legalität zum Maß aller Dinge wird, wo bleibt dann die Moral, und wie kann man die ALF unvoreingenommen betrachten, ohne ihren moralischen Standpunkt zu hinterfragen?

Dass Anhänger der ALF maskiert auftreten, mag in einigen Fällen Attitude sein. In erster Linie dürfte es aber dem Bewusstsein geschuldet sein, dass Tierbefreiungen oder Sabotageaktionen nun einmal nicht dem Gesetz entsprechen. Die ALF vertritt ganz klar den Standpunkt, dass andere Aktionsformen allein ihre Zielen nicht wirksam genug fördern. Wenn sie mit dieser Einschätzung Recht haben, wenn die Aktionen angemessen rücksichtsvoll durchgeführt werden und wenn ihre Ziele gerechtfertigt sind, dann gibt es abseits einer legalistischen Haltung auch kein Argument gegen den Schutz durch die Maskierung. Anderenfalls wäre es rational, eben die Kritik an den Motiven oder den Methoden zu äußern, statt bei den Äußerlichkeiten stehen zu bleiben.

Wenn Fischer im selben Absatz von den „Tierbefreiungsfrontlern“ spricht, für die der Schritt vom Zwerghasen in „die große Welt der Systemkritik“ nur ein kleiner ist, dann meint er: die ALF-Anhänger sind politische Amateure, die im Umfeld gesellschaftlich relevanter Diskussionen eigentlich gar nichts verloren haben. Die „richtige Politik“ sollte man doch bitteschön den Großen überlassen. Man könnte wohlwollend annehmen, Fischer verstünde die Befreiung von Zwerghasen als bei weitem nicht ausreichend, um aus Sicht der ALF wirkliche Kritik an den bestehenden Verhältnissen zu äußern und Veränderungen zu erwirken. Damit hätte er ja auch Recht, aber kann man den ALF-Anhängern unterstellen, sich außerhalb der ALF-Aktivitäten nirgendswo, mitunter auch ganz legal, zu engagieren? Ohnehin scheint es wahrscheinlicher, dass Fischers herablassende Zurkenntnisnahme von der ALF skizzierten Gesellschaftskritik eher ein Ausdruck von Authoritätsgläubigkeit ist: nur wer eine etablierte Persönlichkeit ist und sich um die Gesellschaft verdient gemacht hat, darf auch die Politik mitgestalten. Auch diese Haltung verhindert die Verbreitung neuer Ideen und Standpunkte, sie hält an dem fest, was ist, manifestiert Strukturelle Gewalt und lässt Verbesserungen nicht zu.

Fischer beendet den Artikel, nicht ohne noch einmal die fehlende Professionalität der ALF-Anhänger herauszustellen: die Kritik am Kapitalismus ist abstrakt verklausuliert, der Umgang mit den vom Verschwinden der Tiere betroffenen Kindern staksig. Da kann man ihm durchaus Recht geben. Dass vom Auftreten der beiden ALF-Anhänger aus Zürich wiederum nicht auf alle anderen ALF-Anhänger (die laut Guidelines der ALF ohnehin nicht als Gruppe mit Mitgliedern organisiert ist) zu schließen ist, oder gar auf diejenigen, die nur die Motive, nicht aber die Methoden der ALF teilen, das muss der Leser sich selbst dazu denken.

Spannend wäre auch die Frage gewesen, wie die ALF allgemein mit dem Dilemma umgeht, welches z. B. die Unterbringung und Ernährung befreiter Tiere oder die Durchführung von Aktionen mit sich bringt, deren Folgen und Risiken für andere sich nicht gänzlich absehen lassen. Fischer bringt mit dem Zitat aus dem Bekennerschreiben zwar zum Ausdruck, dass die ALF-Anhänger z. B. die „bitterbösen Tränen“ der Kinder bedauert, aber gerade hier wo Kritik an der ALF angebracht wäre, bleibt die inhaltliche Auseinandersetzung aus.

Links:

temp:

der_spiegel_und_die_alf.txt · Zuletzt geändert: 2011/08/15 20:54 (Externe Bearbeitung)