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containern [2011/08/15 20:54] (aktuell)
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 +=====  Begriffsbestimmung ​  =====
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 +Containern beschreibt das Sammeln von Lebensmittel und anderen Gütern des alltäglichen Bedarfs aus Abfallcontainern von Supermärkten,​ Kaufhäusern,​ Märkten, Großhandel und seltener auch Fabriken. Weggeworfenen werden vor allem Lebensmittel mit abgelaufenen Mindesthaltbarkeitsdatum und solche mit leichten Beschädigungen wie beispielsweise Druckstellen am Obst. Manchmal landen auch unbeschädigte Produkte im Abfall, die als Restbestände aus dem Sortiment genommen oder überschüssig geliefert wurden. ​
 +Die weggeworfenen Lebensmittel weisen meist eine akzeptable bis gute Qualität auf; auch bei überschrittenen Mindesthaltbarkeitsdatum sind die Lebensmittel aufgrund rigider Hygienebestimmungen in der Regel noch genießbar. ​
 +Containern stellt eine Form der [[Gratisökonomie|Gratisökonomie]] dar.
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 +=====  Sprachliche Verwendung ​  =====
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 +Containern wird auch häufig als Verb gebraucht und meint die Entnahme von Lebensmitteln und anderen Gütern aus Abfallcontainern,​ um damit den eigenen Bedarf zu decken. ​
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 +=====  Motivation zum Containern ​  =====
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 +Wer seinen Bedarf aus dem Container deckt, handelt meist aus dem Idealismus heraus: Manche möchten sich nicht Marktzwängen und kapitalistischer Verwertungslogik aussetzen, andere containern aus ökologischen Erwägungen und wieder andere sehen hinter jedem Produkt Ausbeutung, die durch Containern vermieden werden kann. 
 +Atomkraftwerke,​ Waffenproduktion,​ Kriege und Umweltzerstörung werden unter anderen mit der Konsum erzielten Mehrwertsteuer finanziert - zuweilen führt diese Erkenntnis dazu, dass Menschen aus verschiedenen Zusammenhängen sich zeitweilig oder dauerhaft für das Containern als politische Botschaft begeistern können. ​  
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 +Derzeit treibt nur selten eine Notsituation oder allgemeine Armut Menschen in diesen Breiten zum Leben aus dem Abfall. Mit der Kürzung sozialer Leistungen könnten zusehends verarmte Menschen genötigt sein, Güter des alltäglichen Bedarfs aus Abfallcontainern zu beziehen, so wie es in den USA als reichsten Land der Welt schon lange dem Lebensalltag vieler Obdachloser entspricht. ​
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 +=====  Nicht vegan - aber frei von Ausbeutung ​  =====
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 +Milch trinken, Eier essen oder gar ein Kotelett grillen? Für die meisten veganen Menschen steht außer Frage, dass jedes tierische Lebensmittel als Ausbeutungsprodukt nicht auf den Teller gehört!
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 +So bedauerlich es auch sein mag, bilden VeganerInnen eine Minderheit, deren Argumenten das Gros unserer Gesellschaft nicht folgen kann. Und so werden weiterhin Milliarden Tiere gezüchtet, gemästet und geschlachtet. Milch, Eier und ihre Körper werden größtenteils konsumiert, aber nicht vollständig:​ Viele Tonnen tierische Lebensmittel werden täglich in den Containern der Supermärkte entsorgt, weil das Mindeshaltbarkeitsdatum überschritten ist, die Produkte aus dem Sortiment genommen oder schlicht zu viele geliefert wurden.
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 +Was soll mit diesen durchaus noch zum Verzehr geeigneten Lebensmittel geschehen? ​  
 +Offensichtlich ist es für Opfer ohne Belang, was mit ihrer Muttermilch,​ ihren Eiern oder Körpern geschieht, sobald diese auf dem Müll geworfenen wurden. Ob sie nun zum Beheizen von Biokraftwerken benutzt werden, auf den Kompost landen, um daraus Dünger oder Mutterboden zu gewinnen oder von jemanden als Nahrung verwendet werden, macht die Ausbeutung und das erduldete Leid nicht ungeschehen.
 +Zwischen den drei exemplarisch genannten Möglichkeiten besteht allerdings ein wesentlicher Unterschied:​ Wer Milch, Eier oder Fleisch aus Containern entnimmt, entzieht sie der Verwertungslogik,​ welche Tiere als fühlende Wesen in handelbare Waren transformiert. Denn  tatsächlich endet der Verwertungsprozess nicht im Container, schließlich lässt sich auch aus Biomasse noch Profit schlagen. Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnis verwundert es auch wenig, dass Containern juristisch als Diebstahl geahndet werden kann. Zu Anzeigen kommt es nicht zuletzte ob der politischen Brisanz (Menschen geht es wirtschaftlich so schlecht, dass sie im Abfall nach Essen suchen) des Themas nur in [http://​www.taz.de/​pt/​2004/​12/​21/​a0047.1/​text Einzelfällen].
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 +So erscheint es als gute antispeziesistisch motivierte Aktion zu Lebensmitteln verarbeitete Tiere und Tierausscheidungen aus den Abfallcontainern zu klauben, um auf subtile Weise der Logik von Tieren als Waren zu widersprechen. ​
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 +Was bleibt ist die Frage, was mit Eiern, Tiermilch und Tierkörpern aus dem Containern geschehen soll. Um nichtmenschlichen Tieren den gleichen Respekt zu erweisen wie Menschen, wäre es denkbar die Körperteile zu beerdigen. Doch spätestens bei einem Liter Kuhmilch oder einem Joghurt würde diese Idee groteske Züge annehmen und für großes Amüsement sorgen. Fraglich ist ohnehin, ob die kritiklose Übernahme von Traditionen innerhalb der hiesigen sittlichen Gemeinschaft wie dem Beerdigen bei der Behandlung von Resten der Opfer unserer speziesistischen Gesellschaft angemessen ist. Zu berücksichtigen ist, dass mit dem Beerdigen eine hohe Belastung des Grundwassers und des Bodens durch Bildung von Giftstoffen einhergeht. Auch Einäschern verursacht ein erhebliches Maß an Umweltverschmutzung. ​
 +Offenkundig tritt eine respektvolle Behandlung von Opfern speziesistischer Gewalt in Konflikt mit den Zielen der Erhaltung des Ökosystems als Lebensraums von Menschen und anderen Tieren. ​
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 +Auch wenn Tiere nicht als Lebensmittel funktionalisiert werden sollten, können sie durchaus von Menschen als solche verdaut werden. Aus dem Abfall entnommen, liegen sie uns als Lebensmittel vor und es werden ernsthaft Überlegungen angestellt, wie wir sie zu Lasten der Umwelt vernichten können. Wobei die naheliegenste Lösung doch wäre sie durch Verdauen völlig biologisch und umweltgerecht zu verwenden. Respektloser als von Bakterien Zersetzen lassen oder Verbrennen ist das jedenfalls nichts. Der Verweis darauf, dass menschliche Leichen doch auch von niemanden gegessen würden, der für sich beansprucht Menschenleben zu achten, erweist sich als Zirkelschluss:​ Um einen derartigen Vergleich anstellen zu können, müssten wir von eine Kultur geprägt sein, in der Usus ist Menschenkörper in konsumierbare Waren zu verwandeln. Sofern in einer [[dystopischen|dystopischen]] Gesellschaft sowohl die zu Fleisch verarbeiteten Körper von nichtmenschlichen Tiere als auch von Menschen im Abfall der Supermärkte lägen, entfiele das Argument der Ungleichbehandlung von nichtmenschlichen und menschlichen Leichen(teilen) gänzlich. Womit in  Zweifel gezogen werden dürfte, ob der Konsum von Eiern, Milch oder Fleisch per se als unmoralisch verworfen werden muss oder nur seine Auswirkung ihn unmoralisch werden lässt. ​
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 +Konsum verstanden als entgeltlicher Verbrauch von Waren erzeugt Nachfrage. So gesehen wird also mit den Kauf von Fleisch, Eiern und Tiermilch Ausbeutung und Tötung von Schweinen, Hühnern, Rindern und anderen nichtmenschlichen Tieren in Auftrag gegeben. Offenbar ist nicht der Verzehr von gekauften Tierprodukten an sich problematisch,​ sondern die damit verursachte Auswirkung der Nachfrage, welche weiteres Leid verursacht.
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 +Das Verspeisen weggeworfener unveganer Lebensmittel erzeugt indes keine Nachfrage, da diese Lebensmittel den Verwertungsprozess entzogen wurden.
 +Einmal angetanes Leid wird nicht ungeschehen durch Nicht-Verwendung daraus entstandener Produkte. Wurden diese Produkte weggeworfen,​ ergibt sich aus ihrer Verwendung keine Nachfrage und damit kein weiteres Leid. Prägnanter:​ Das Verspeisen von tierischen Lebensmitteln aus den Containern verhält sich zumindest indifferent zur Anzahl der Opfer speziesistischer Gewalt. ​
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 +Doch wir könnten noch einen Schritt weitergehen und behaupten, dass Containern sogar viele Leben rettet, sofern wir in unsere Überlegungen miteinschließen,​ dass kein Produkt frei von Ausbeutung, Leid und Tod regulär erworben werden können. ​
 +Verbergen sich doch in nahezu jedem industriellen scheinbar veganen Lebensmittel tierische Zutaten und Produktionshilfsstoffe,​ die erst gar nicht deklariert werden und somit bei der für viele VeganerInnen ausreichenden Kontrolle der Zutatenliste nicht auffallen. Verpackt wird häufig mit Hilfe von unveganen Klebstoffen und Farben - hier sehen selbst äußerst konsequente VeganerInnen großzügig drüber hinweg. Tierversuche werden direkt oder indirekt ohnehin per Gesetz verordnet durchgeführt und gelten deshalb unter fast allen VeganerInnen als unvermeidbar. Selbst wer ausschließlich von Obst und Gemüse direkt von Biofeld lebt, akzeptiert, dass Milliarden von Insekten, Kröten, Lurchen, Salamander und Mäusen für den Anbau vertrieben und getötet werden.
 +Eine auf Konsum basierende bis ins Detail vegane Lebensweise scheint in unserer gegenwärtigen Gesellschaft,​ die Profite über Leben stellt, unmöglich. ​
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 +Viele VeganerInnen mögen an dieser Stelle argumentieren,​ dass es einen eminenten Unterschied zwischen Absicht und Unfall gäbe. Dem möchte ich nicht widersprechen. Wenn wir aber ein Feld bestellen, sind wir uns schon bewusst darüber, dass wir dabei unzählige FeldbewohnerInnen wie Mäuse vertreiben, ihre Behausungen zerstören und oft sogar töten. Von den Insekten ganz zu schweigen, die gleich millionenfach dem Ackerbau zum Opfer fallen. Wenn eine Handlung mit Gewissheit zum Ergebnis führt, dass jemand verletzt wird oder stirbt, kann kaum noch Unfall gewertet werden.
 +Ist es nicht blanker Hohn  vegane Lebensmittel als frei von Leid, Ausbeutung und Tod zu bezeichnen? Und dient der gebetsmühlenartig zitierte Satz über „[[Vermeidung des Vermeidbaren|Vermeidung des Vermeidbaren]]“ nicht einzig dazu die eigene Bequemlichkeit zu bedienen sowie innere Widersprüche zu bemänteln, anstatt sich der Frage zu stellen, wie wir als Menschen leben können ohne andere fühlende Wesen massiv einzuschränken oder gar zu töten?
 +Dabei ist es ohne jeden Zweifel vermeidbar eine Limo zu trinken, die zwar gemäß ihrer Inhaltsstoffe vegan ist, deren Etikett jedoch mit Klebstoff aus Knochenmehl auf der Falsche fixiert wurden. Auch erscheint es angesichts prall gefüllter Containern als durchaus vermeidbar Obst und Gemüse zu kaufen, für dessen Anbau - auch wenn dieser noch so biologisch erfolgen mag - unzählige Tierleben fordert.
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 +Vegan ist lediglich ein Hinweis darauf, dass ein Produkt keine - oder zumindest keine offensichtlich tierischen Komponenten enthält. Ob etwas vegan ist oder nicht, erweist sich als ungeeignetes Kriterium dafür, ob ein Produkt frei von Ausbeutung hergestellt und vertrieben wird. An der Verwertung des Menschen als Produktionsmittel nimmt der Veganismus als verkürzte Herrschaftskritik ohnehin keinen Anstoß. ​
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 +Die vegane Ethik erscheint voller Widersprüche,​ die sich auch nie
 +auflösen lassen werden, solange es an Utopien mangelt. Und es wird
 +schwer fallen Utopien zu entwickeln, wenn viele VeganerInnen sich selbst
 +genügend beharrlich auf Floskeln wie „Vermeidung des
 +Vermeidbaren“ verweisen, mitunter die Haltung von Tieren als Nutztiere zum
 +Holocaust hochstilisieren und gleichzeitig den „Massenmord“ auf dem Feld
 +als Unfall verharmlosen.
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 +Veganismus erweist sich, so wie er heute praktiziert wird, als  [[Gesinnungsethik|Gesinnungsethik]],​ die Motiv und Absicht einer Handlung über ihre tatsächliche Auswirkung gestellt. ​
 +Der Verzehr von Eiern, Tiermilch und Fleisch aus dem Müll mag zwar unvegan sein, verursacht aber im Gegensatz zum veganen Konsum weder Ausbeutung, Leid noch Tod. 
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 +Bislang beschränkten wir uns darauf Containern aus der Perspektive des Verursachunsprinzips zu betrachten; haben also untersucht, ob durch Containern Leid, Ausbeutung und Tod verursacht werden. Wie wir zeigen konnten, rettet Containern sogar viele Leben. ​
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 +Sich einzig auf das Verursachungsprinzip zu berufen, vereinfacht den Sachverhalt allerdings immens. Enthält doch jede Handlung eine an uns selbst und den Rest der Gesellschaft gerichtete Botschaft, die in Abhängigkeit zur Konditionierung und Sozialisierung der RezipientInnen völlig unterschiedlich gedeutet werden wird. 
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 +//Artikel wird demnächst fortgesetzt//​
 +[[User:​TomFalkner|TomFalkner]] 2006-08-18 02:36
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 +=====  Links   =====
 +  * [[http://​www.projektwerkstatt.de/​alternative/​konkret_essen.html|Praktische Tipps zum Containern aus der Projektwerkstatt]]
 +  * [[http://​veg.gs/​de/​wiki/​containern/​|noch dünne Infoseite auf veg.gs]]
 +  * [[http://​tierrechts-foren.de/​viewtopic.php?​id=1077|Diskussion in den Tierrechtsforen]]
 +  * [[http://​vegan.de/​foren/​read.php?​77,​347022,​360123#​msg-360123|durch Zensur verzerrte Diskussion auf vegan.de ]]
 +  * [[http://​veganismus.ch/​foren/​read.php?​f=1&​i=5842&​t=5714|durch Zensur verzerrte Diskussion im Maqi-Forum]]
 +  * [[http://​muellsafari.blogsport.de/​|Müllsafari- Ein Container Tagebuch mit regelmäßigen Bilder Updates]]
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 +[[Ordner:​Freeganismus|Ordner:​Freeganismus]]
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 +Hast du denn mal in ein paar Supermärkten nachgefragt,​ was dort vor Ort tatsächlich mit den entsorgten Lebensmitteln gemacht wird?
 +[[User:​Peppermint|Peppermint]] 2006-08-18 09:38
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 +Bei einigen habe ich tatsächlich nachgefragt und bekam stets als Antwort, dass die entsorgten Lebensmittel von der Müllentsorgung abgeholt würden. Was nun genau mit dem Abfall geschieht, hängt wohl sehr vom einzelnen Entsorgungsunternehmen ab. Aber soweit wir bekannt, lässt niemand den Müll einfach verrotten. In der [[http://​www.k85.squat.net/​Containern/​containern.avi|SpiegelTV-Reportage]] (27 MB, abspielbar mit [http://​de.wikipedia.org/​wiki/​XviD Xvid-Codec]) über das Containern wird übrigens aufgezeigt, was mit den unverkauften Lebensmittel vieler Supermärkte im Raum Hamburg passiert: Sie werden zu Fernwärme verarbeitet,​ um ein Fußballfeld zu beheißen.
 + ​[[User:​TomFalkner|TomFalkner]] 2006-08-18 10:23
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 +Ich kenne allein in meiner Umgebung 2 Leute die von diversen Supermärkten die unverkäuflichen Waren kistenweise bekommen. Eine Freundin hat auch schon mal eine Kiste Shampoo angeschleppt. Ist ja quasi wie Kontainern, nur das sie es direkt vom Supermarkt haben. Ich vermute allerdings, das es mehr von den Angestellten ausgeht als von den Supermarktbetreibern. Vermutlich bekommt man nur etwas wenn man "​Vitamin B" hat. Als ich mal im Biomarkt nachgefragt habe wurde mir gesagt das sie nichts (von dem Obst und Gemüse) verschenken weil die Angestellten alles mitnehmen. Aus kapitalistischer Sicht ja auch verständlich. Was man geschenkt bekommt kauft man ja auch nicht mehr.
 +Würde mich mal interessieren was die Veganshops mit ihren abgelaufenen Lebensmitteln so machen.
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 +Jedenfalls find ich es besser im Supermarkt containern als wenn man das System auch noch mit Geld unterstützt. Vegane Produkte Containern finde ich völlig OK und was einem fehlt kauft oder tauscht man eben. Teilweise zu Containern wäre z. B. eine gute Möglichkeit für die Leute die immer jammern das vegan ihnen zu teuer sei und sie es sich nicht leisten können vegan (oder ethisch korrekt) zu leben (oder die nichtmenschlichen Mitbewohner vegan zu ernähren). Unvegan Containern ist immerhin "​veganer"​ (bzw. Ausbeutungsfreier!) als z. B. nicht fair gehandelte aber nM-tierqualfreie Lebensmittel vom Discounter zu kaufen finde ich. Siehe auch: [[Unmoralisch sind immer nur die anderen|Unmoralisch sind immer nur die anderen]]
 +[[User:​Feilchen|Feilchen]] 2006-08-23 18:46
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